Weihnachten und andere Katastrophen

Weihnachten

und andere Katastrophen




  

Noch vier Wochen bis Weihnachten


Das gesamte Einkaufszentrum erstrahlt in bunten Lichtern und von überall erklingt Weihnachtsmusik. Wie soll man das nur aushalten. Schnellen Schrittes geht Tobias auf den Aufzug, der ihn in die vierte Etage bringt zu. Hier oben ist es ruhiger. Die nervige Dudelei kann er in seinem Büro nicht mehr hören und bunte Lichter gibt es auch keine.

Sobald Tobias sein Büro betreten hat, lässt er sich erleichtert auf seinen Stuhl fallen. Die erste Hürde hat er geschafft. Wenn er Glück hat, muss er erst wieder zum Feierabend durch die ganze verrückte Weihnachtswelt und das verdammte Gedudel muss er dann auch wieder ertragen. Er hasst Weihnachten abgrundtief, wenn dann auch noch Kinder dazukommen, wird es zu seiner persönlichen Hölle.

Es ist ihm unverständlich, wie sein großer Bruder Holger dieses ganze Tamtam, das seine Frau und seine beiden Kinder veranstalten nur aushält.

Trotz der jährlichen Einladung ist Tobias nun schon fast sieben Jahre nicht mehr dort gewesen. Auch seine Mutter, die seit Vaters Tod bei Holger wohnt, bittet ihn oft zu Besuch, doch Tobias findet jedes Jahr eine Ausrede. Außerdem ist er immer noch sauer auf Linda, die Frau seines Bruders.

Es ist ihre Schuld, dass er jetzt allein dasteht, ohne Partnerin, ohne Familie.

Damals war er gern bei ihnen und hat dort im Sommer eine Woche Urlaub verbracht. Genau wie Lindas beste Freundin Yvonne. Von Anfang an haben sie sich gut verstanden und verbrachten viel Zeit miteinander und er hat sich unsterblich in sie verliebt. Als sie sich nach einer Woche trennen mussten, versprachen sie sich, in Kontakt zu bleiben, das blieb auch lange Zeit so. Anfangs telefonierten sie täglich, bis ihnen das nicht mehr reichte. Dann kam Yvonne jedes zweite Wochenende zu ihm. Sie zogen durch die Diskotheken und Clubs und genossen das zusammen sein.

Es ging auf Weihnachten zu und sie wollten das Fest gemeinsam verbringen und so haben sie ihre Pläne geschmiedet. Sie wollten den ersten Feiertag bei Holger und der Familie verbringen und am zweiten Feiertag in den Urlaub fahren. Bis zum zweiten Januar wollten sie in einem kleinen romantischen Berghotel bleiben. Tobias hatte alles geplant und gebucht und als Überraschung hatte er einen Verlobungsring für Yvonne.

Doch wer nicht kam, war Yvonne. Sie kam nicht am ersten Feiertag zum Essen, wie es verabredet war und am zweiten Feiertag konnte Tobias sie nicht erreichen. Ihre Mitbewohnerin aus der WG teilte ihm mit, dass sie am Morgen von einem netten jungen Mann abgeholt wurde und erst in drei Wochen zurück kommen soll.

Tobias war wie vor dem Kopf geschlagen und Linda meinte mit einem süßen Lächeln: „Yvonne ist eine Nummer zu groß für dich, ich versuche schon seit einem Jahr die beiden zusammenzubringen und jetzt hat es geklappt.“ Daraufhin hat Tobias sich umgedreht und das Haus verlassen und ist bis heute nicht mehr dort gewesen. Wie konnte sie nur! Sie wusste genau, wie sehr er Yvonne liebte.

Auch jetzt, sieben Jahre danach, tut es noch weh. Bis heute hat er nie wieder etwas von Yvonne gehört oder gesehen. Keine Erklärung, nichts. Sie hat ihn einfach sitzen lassen. Gedankenverloren fährt Tobias sich durch die kurzen blonden Haare. Ein harsches Klopfen lässt ihn hochfahren. „Hey, hast du heute schon was vor?“, kommt sein Kollege Fred hereingestürmt.

„Wieso?“, fragt Tobias misstrauisch.

„Klaus und ich und ein paar Jungs aus den anderen Büros wollen nachher runter in die Bar gehen. Du kommst doch mit?“

„Ich weiß nicht. Ich hab hier noch eine ganze Menge zu erledigen“, wehrt Tobias ab.

„Die Arbeit rennt nicht weg. Ich hol dich nachher ab.“ Mit dem letzten Wort ist Fred hinaus und Tobias starrt die geschlossene Tür an. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Vielleicht könnte er ein bisschen früher Schlussmachen und davon huschen, bevor Fred ihn erwischt. Abschätzend schaut er auf seine Akten. Wenn er sich beeilt und ohne Pause durcharbeitet, könnte er es schaffen.

Tobias hat sein Bestes gegeben und ist zehn Minuten vor Feierabend fertig. Schleunigst will er verschwinden und eilt zum Aufzug. „Schön, dass du schon hier bist, ich wollte dich gerade holen“, empfängt ihn Fred dort. Missmutig schleicht Tobias neben Fred her und versucht ein paar weitere Ausreden, doch Fred lässt ihn nicht gehen. „Tobias, morgen ist Samstag, da hast du frei und Sonntag ist der erste Advent. Lass uns ein bisschen in Weihnachtsstimmung kommen.“ Lachend schiebt er Tobias durch die Tür. „Schau mal“, meint Fred und deutet auf einen runden Tisch. „Da sind die Webdesigner und die Jungs von der Kanzlei sind auch alle da.“

„Und die Transonnen vom Steuerbüro kommen auch endlich“, ruft ihnen ein schmächtiger junger Mann zu.

Während sie sich lachend setzen, sagt Fred: „Es stört euch hoffentlich nicht, dass mein Bruder nachher auch noch kommt?“ Kurz richtet er seinem Blick in die Runde, doch es scheint keinen zu stören.

Das erste Bier ist getrunken und sie unterhalten sich ausgelassen. Da erscheint ein adrett gekleideter junger Mann an ihrem Tisch. Sofort springt Fred auf: „Da bist du ja!“, ruft er erfreut und zieht den Mann in seine Arme. „Darf ich euch meinem Bruder Max vorstellen“, wendet er sich ihnen zu. Mit murren und brummen wird Max begrüßt und ein weiterer Stuhl muss her. Tobias sieht seine Gelegenheit und erhebt sich. „Mein Stuhl wird frei, ich muss jetzt gehen.“ Rasch will er sich abwenden, doch Fred hält ihn auf: „Das kann nicht dein Ernst sein, du kannst jetzt doch noch nicht gehen.“

„Ich habe noch etwas vor, tut mir leid.“ Hastig wendet er sich ab und verschwindet. Vor der Tür bleibt er einen Moment stehen und atmet erleichtert auf. Das wäre geschafft, jetzt nichts wie raus aus dem Weihnachtswahnsinn und ab nach Hause.

Gerade als er losgehen will, wird er von hinten angerempelt und wäre um ein Haar zu Boden gegangen. Empört dreht er sich um, da hört er einen warnenden Schrei: „Vorsicht!“, und schon rennt ein kleines Mädchen in ihn rein, während ein kleiner Junge um ihn herumrennt. Wie eine wildgewordene Katze versucht das Mädchen sich auf den Jungen, der ungestüm um Tobias herumrennt, zu stürzen. „Du bist eine lahme Ente und kriegst mich doch nicht“, ruft der Junge dem Mädchen zu und rennt immer weiter um Tobias herum und das Mädchen hinterher.

„Stopp! Was soll das?“, schreit Tobias die Kinder an und mustert sie mit einem wütenden Blick.

„Sofie, Kai, was habt ihr schon wieder gemacht?“, kommt eine junge Frau mit rotblondem Haar auf sie zu. Gleich hinter ihr folgen zwei etwas ältere Mädchen, die vollkommen gleich aussehen und ein größerer Junge.

„Kai hat mich geärgert“, keift das kleine Mädchen auch gleich los und schlägt wütend nach Kai, der weicht jedoch aus und sie trifft Tobias. „Sofie! Du sollst nicht hauen. Entschuldige dich sofort“, wird sie streng ermahnt. „Entschuldigung“, gibt Sofie maulend von sich, „ich wollte Sie nicht treffen, sondern meinen blöden Bruder.“

„Es tut mir leid. Sie sind heute irgendwie außer Rand und Band“, entschuldigt sich die junge Frau mit einem betörenden Lächeln. „Heute?“, trällert eins der beiden älteren Mädchen, „die sind doch immer so.“ Mit einem strengen Blick wendet sich die Frau zu den älteren Kindern. „Ihr solltet nur ein paar Minuten auf die beiden aufpassen.“

„Wir haben uns nur das Schaufenster angesehen und dann sind sie auch schon wie wild rumgerannt“, rechtfertigt sich das andere Mädchen.

„Wenn ich mich nicht einmal ein paar Minuten auf euch verlassen kann, dann fahren wir wieder nach Hause. Ab zum Auto!“ Ihren unnachgiebigen Blick lässt sie über die maulenden Kinder schweifen.

Kopfschüttelnd wendet Tobias sich ab. Eine so hübsche junge Frau, wenn da nur nicht die ganzen Bälger wären. Während Tobias sich entfernt, dreht sich die junge Frau um und schaut ihm hinterher.

„Tante Anja, bist du böse auf uns? Aber es ging wirklich sehr schnell und Kai ist auch gleich in den Mann reingerannt. Der wäre fast hingefallen. Kein Wunder, das er so sauer war.“ Betreten sieht ihr zwölfjähriger Neffe sie an. „Nein ich bin euch nicht böse. Es war meine Schuld. Ich hätte euch nicht die Verantwortung für die beiden geben dürfen.“

„Gehen wir Morgen trotzdem auf den Weihnachtsmarkt?“, fragt eins der älteren Mädchen hoffnungsvoll.

„Nun wenn ihr euch ab jetzt anständig benehmt.“



Sobald Tobias seine Wohnung betritt, führt ihn sein erster Weg zu den Fenstern um jeden Vorhang zu schließen und die bunten Lichter auszusperren. Seine Wohnung befindet sich mitten im Stadtzentrum, so hat er es nicht weit bis zu seinem Büro. Doch der große Nachteil ist, dass er den Weihnachtsmarkt direkt vor der Tür hat. Er hat sogar schon überlegt, sich eine andere Wohnung zu suchen, aber seine Wohnung gefällt ihm. Er hat ein schönes großes Wohnzimmer und eine geräumige Küche, beides geht nach vorn, genau auf den Markt hinaus. Sein Schlafzimmer und die beiden anderen Räume gehen nach hinten hinaus. Dort ist ein großer wunderschöner Park.

In der Weihnachtszeit hält er sich meistens in seinem Arbeitszimmer oder Schlafzimmer auf. Hier gibt es keine bunten Lichter und erst recht keine Weihnachtsmusik.

Sein Weg führt ihn in die Küche zum Kühlschrank. Aus dem Gefrierfach nimmt er eine Pizza und schiebt sie in die Mikrowelle. Schnell noch in bequemere Sachen geschlüpft und den kleinen Fernseher in seinem Schlafzimmer angeschaltet. Gerade ertönt das Kling der Mikrowelle, da klingelt sein Telefon. Genervt geht er an der Küche vorbei ins Wohnzimmer und greift das Telefon, das auf dem Couchtisch liegt. „Ja“, gibt er unfreundlich von sich.

„Hey, Kleiner!“, begrüßt ihn Holger. „Ich bin in der Stadt, kann ich zu dir kommen.“

„Wo genau bist du?“

„Direkt vor deinem Haus, ich kann das Licht in deinem Wohnzimmer sehen.“

„Dann komm schon hoch.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, legt Tobias auf. Noch einmal holt er tief Luft, dann geht er zur Tür. Kaum hat er die Tür geöffnet, sieht er, wie Holger, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hochgestürmt kommt.

„Lange nicht gesehen, Brüderchen.“ Holger reißt ihn freudig in seine Arme. Tobias gibt nur ein unbestimmtes Murren von sich und weist auf die Tür.

„Lass uns erst mal reingehen“, übernimmt Holger das Kommando. Schon immer ist Holger vorneweg gestürmt und hat das Kommando übernommen, nie hat er gefragt, was Tobias will, er hat einfach bestimmt. Tobias war schon immer ruhig und in sich gekehrt und hatte nie viele Freunde, im Gegensatz zu Holger, der ständig eine ganze Truppe Jungs um sich hatte. Nur Yvonne konnte Tobias rauslocken, sie hat ihn angetrieben. Noch nie hat er so viel gelacht wie damals und noch nie war er so glücklich. Doch das ist schon lange vorbei. Immer noch in seine Gedanken versunken folgt er Holger ins Wohnzimmer.

„Was führt dich hier her?“ Tobias lässt seinen Blick zu Holger, der am Fenster steht, den Vorhang zur Seite gezogen hat und hinausschaut, gleiten.

„Du hast einen fantastischen Blick von hier oben. Den gesamten Markt kannst du überblicken. Das Riesenrad fährt fast an deinem Fenster vorbei und der Weihnachtsbaum ist zum Greifen nah.“

„Deswegen bist du aber nicht hier, oder?“

„Nein, deswegen nicht.“ Mit einem kleinen Schniefen dreht er sich zu Tobias. „Mama hat mich hergeschickt. Ich soll dich überzeugen Weihnachten zu uns zu kommen.“ Eindringlich sieht er ihn an. „Bitte komm, du warst schon ewig nicht mehr da! Jessica und Erik können sich gar nicht mehr an ihren Onkel erinnern.“

„Ich weiß nicht ...“

„Du suchst doch nur eine Ausrede. Keiner weiß, wieso du so plötzlich abgehauen bist. Nicht ein Wort hast du gesagt, du hast dich nicht gemeldet, nichts. Sag mir wenigstens warum, damit ich Mama einen Grund nennen kann.“ Holger war schon immer sehr ungeduldig. Wenn Tobias nicht gleich antworten konnte, weil er zu lange nachdachte, ist er sofort wütend geworden.

Während Tobias nachdenkt, ob er ihm die Sache mit Yvonne in Erinnerung rufen soll, beobachtet er Holger und erkennt sehr schnell, dass Holger sich nicht geändert hat.

„Na sag mir schon, warum du nicht mehr zu uns kommst“, fährt Holger ihn wütend an. „Mama macht sich Sorgen.“

„Mama soll sich keine Sorgen machen, es ist doch nicht ihre Schuld“, murmelt Tobias leise.

„Ach, dann ist es wohl meine Schuld?“, schreit Holger ihn ungehalten an. Tobias schüttelt den Kopf, sagt aber kein Wort. „Wenn keiner von uns schuld ist, dann muss es ja an dir liegen. Du hattest ja schon als Kind die Macke, dich in dein Zimmer zu verziehen, sobald ein paar Leute da waren. Aber wir sind deine Familie, also komm gefälligst.“ Wieder schüttelt Tobias den Kopf. Holger macht einen drohenden Schritt auf ihn zu. „Du wirst kommen, oder ich hol dich. Mama liegt mir jeden Tag damit in den Ohren und ich hab die Nase voll.“ Drohend hebt er den Finger. „Heilig Abend pünktlich zum Abendessen bist du da, sonst kannst du was erleben. Ich muss jetzt wieder los. Wir sehen uns.“ Noch ein drohender Blick und Holger verlässt seine Wohnung.

Benommen steht Tobias eine Weile da. Er möchte nicht, dass seine Mutter sich Sorgen macht. Sie ist eine herzensgute Frau und er liebt sie über alles. Doch er kann Weihnachten nicht zu ihr fahren. Jedes verdammte Weihnachten kommen die Erinnerungen wieder hoch und es tut noch genauso weh, wie damals. Und dann ist da auch noch Linda. Sie hat ihn und Yvonne auseinandergebracht, weil sie der Meinung ist, dass Yvonne zu gut für ihn ist.

Ja, Yvonne ist wirklich eine tolle Frau. Sie sieht verdammt gut aus und sie hat damals studiert und wollte Lehrerin werden, wahrscheinlich ist sie das jetzt auch. Sie ist so selbstbewusst und spontan, hatte immer irgendwelche Ideen. Sie ist so ganz anders als er selbst.

Er ist schüchtern, traut sich kaum jemanden anzusprechen. Seit ihrer Kindheit sagt Holger ihm immer, dass er doch nichts allein auf der Reihe bekommt. Holger hat den Holzhandel ihres Vaters übernommen, hat das Haus gekauft, geheiratet und Kinder bekommen. Und er!? Er hat nichts. Er ist Steuerberater und seit einem Jahr Abteilungsleiter, die Arbeit gefällt ihm, die Kollegen sind super. Jeder macht seine Arbeit, nie gibt es Probleme mit ihnen. Sein Verdienst ist auch recht gut. Er kann sich diese schöne große Wohnung mitten in der Stadt leisten, auf dem Stellplatz in der Tiefgarage steht sein neuer BMW, den er eigentlich gar nicht braucht. Aber er gefällt ihm, also hat er ihn sich gekauft. Er könnte auch jedes Jahr in den Urlaub fahren, aber was soll er dort allein. Holger fährt jedes Jahr in den Urlaub, er ist ja auch nicht allein. Holger sieht einfach toll aus, er hat eine gute Figur und ist muskulös, nicht so ein Spargeltarzan, wie er selbst einer ist. Holger geht mehr nach ihrem Vater, er ist schwarzhaarig und seine Haut ist auch im Winter leicht gebräunt. Die dunkelbraunen Augen haben sie aber beide geerbt. Nur hat er die blonden lockigen Haare und die blasse Haut seine Mutter dazubekommen. Auch den zarten Knochenbau hat er von ihr.

Wenn man ihn und Holger nebeneinanderstellt, ist sofort klar, auf wen die Frauen fliegen. Welche Frau will schon so einen Schwächling, wie er es ist? Bereits in der Schule wurde ihm klar, dass er wahrscheinlich nie eine Freundin haben wird und dann kam Yvonne in sein Leben. Seine erste und bisher einzige Freundin und Linda hat sie auseinander gebracht. Nie wieder wird er eine wie sie finden.


Entschlossen greift Tobias das Telefon und wählt die Nummer seiner Mutter. Bereits nach dem zweiten Klingeln vernimmt er ihre warme ruhige Stimme. „Hallo Mama!“, haucht er ins Telefon.

Über eine Stunde hat Tobias mit seiner Mutter telefoniert. Sämtliche Neuigkeiten haben sie ausgetauscht, aber sie bat ihn nicht, Weihnachten zu kommen. Also sprach er das Thema an.

„Mama, ich werde Weihnachten wieder nicht kommen. Sei mir bitte nicht böse, aber ich kann nicht.“

„Schon gut, ich habe nur gedacht, dass du inzwischen über Yvonne hinweg bist und vielleicht eine neue Freundin hast.“

„Nein habe ich nicht, vielleicht werde ich auch nie eine haben.“

„Ach Junge, lass den Kopf nicht hängen. Jeder Topf findet sein Deckelchen.“

„Was, wenn Yvonne mein Deckelchen war? Dann gibt es für mich keinen mehr.“

„Gib nicht auf. Wenn sie sich so einfach von Linda verkuppeln lässt, hat sie dich gar nicht verdient.“

„Aber ich habe sie geliebt, Mama.“

„Wirklich mein Junge?! Oder war es nur, weil sie deine erste Freundin war.“

„Ich weiß nicht, aber ich glaube schon, dass ich sie geliebt habe und irgendwie fehlt sie mir immer noch.“

„Ist schon okay mein Junge. Du brauchst wohl doch noch etwas Zeit. Mach dir keine Gedanken wegen Holger. Er hat das Temperament eures Vaters, ist schnell aufbrausend, kommt aber genauso schnell wieder runter. Ich werde mit ihm reden und ihm klarmachen, dass es besser ist, wenn du nicht kommst.“

Nach ein paar herzlichen Worten verabschieden sie sich, aber Tobias musste ihr versprechen, bald wieder anzurufen.


Tobias hat so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Das Gespräch mit seiner Mutter tat ihm richtig gut. Inzwischen ist die Mittagszeit überschritten und wieder einmal steht er mit knurrendem Magen vor seinem Kühlschrank. Hunger, großen Hunger und nichts im Kühlschrank. Tobias überlegt angestrengt was er tun soll. Er könnte essen gehen, aber allein hat er keine Lust. Er könnte auch etwas kochen, aber das dauert ihm zu lange. Oder er geht auf den Weihnachtsmarkt und holt sich dort etwas. Die Pilzpfanne sieht recht lecker aus, aber da ist auch noch das Spannferkel und noch allerlei leckere Sachen. Bei der Gelegenheit kann er sich auch gleich noch ein paar gebrannte Mandeln mitnehmen. Kurzentschlossen schlüpft er in seine Schuhe, greift er seine Jacke und verlässt die Wohnung.

Bereits nach wenigen Minuten bereut er seinen Entschluss. Viel zu viele Menschen. Überall Gedränge und Geschiebe. An jedem Stand ellenlange Schlangen und überall Weihnachtsmusik und bunte Lichter.

Endlich hat er es geschafft und hat seine Portion Spannferkel und auch seine gebrannten Mandeln hat er. Jetzt will er nur noch aus dem Gedränge raus und hoch in seine Wohnung. Doch kaum hat er zwei Schritte getan, vernimmt er lautes Geschrei hinter sich und wird auch gleich darauf zur Seite gestoßen. Eine ganze Horde Kinder drängt an ihm vorbei und weiter bis zum Riesenrad. Während er ihnen noch hinterher schaut, vernimmt er eine sanfte Stimme neben sich: „Entschuldigung! Ihnen ist doch nichts passiert?“ Verwirrt sieht er sich um. Da ist sie, die junge Frau von gestern. Auch sie lässt ihnen Blick über ihn gleiten und sagt mit einem freudigen Lächeln: „Wir sind uns doch gestern schon begegnet.“ Tobias gibt nur ein unbestimmtes Brummen von sich und lässt sich mit dem Strom zum Riesenrad mit schieben, schließlich ist dort ja auch gleich seine Wohnung. Unaufgefordert schließt sich die junge Frau ihm an und redet ununterbrochen auf ihn ein. „Es tut mir so leid, dass die Kinder Sie schon wieder fast umgestoßen haben. Ich hoffe, Sie sind ihnen deswegen nicht böse. Sie machen das nicht mit Absicht, sie sind nur so aufgeregt. Wissen Sie, die Kinder sind so selten alle zusammen. Aber dieses Wochenende haben wir uns alle bei meinen Eltern getroffen, meine ganzen Geschwister sind da und auch die Kinder. Wir sind eine recht große Familie, ich habe noch zwei Schwestern und zwei Brüder. Ich finde es schön, wenn wir alle zusammen sind. Haben sie auch Geschwister?“ Tobias kommt nicht zu einer Antwort, da plappert sie schon weiter: „Oh schauen Sie mal! Ist das nicht hübsch.“ Mit leuchtenden Augen deutet sie auf eine große bunte Kugel, die auf einem Ständer hängt und von innen her leuchtet, so dass man die wunderschöne Winterlandschaft auf ihr bewundern kann. „Ja, sieht wirklich hübsch aus“, muss er zugeben.

„Komm, die muss ich einfach haben.“ Ehe er sich versieht, greift sie seinen Arm und zieht ihn mit. „Aber ...“, will er Protest einlegen und deutet auf seinen Weg. „Ach die Kinder sind noch eine Weile auf dem Riesenrad. Na komm schon“, drängt sie ihn. Tobias gibt sich geschlagen und hilft ihr bei der Auswahl.

Kaum das sie ihre Kugel hat und Tobias schon aufatmen will, sieht sie an einem anderen Stand kleine Holzfiguren und natürlich muss sie auch dort hin. Lachend drückt sie ihm ihre Beutel und Tüten in die Hände und betrachtet die Figuren. „Oh sind die schön. Meine Mutter wird sich freuen, wenn ich sie ihr mitbringe. Das ist das perfekte Geschenk.“

Zu der kleinen Weihnachtskrippe kommt noch ein beleuchteter Stern fürs Fenster hinzu. Gerade haben sie ihren Einkauf beendet, da kommen die Kinder angestürmt. „Tante Anja, was hast du da gekauft?“, drängt ihre kleine Nichte an sie heran. Die beiden größeren Mädchen werfen einen Blick auf Tobias und die vielen Beutel in seinen Händen, dann zieht ein breites Grinsen über ihre Gesichter.

Tobias ist völlig überwältigt von dem Trubel, er hasst Weihnachten und er hasst Kinder und jetzt steht er mittendrin und kann nicht weg.

„Kommt dort waren wir noch nicht“, ruft der große Junge und gleich darauf setzten sich alle in Bewegung. Tobias steht noch einen Moment unschlüssig da, er will die Beutel loswerden, er will nach Hause. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht, denn eins der größeren Mädchen hängt sich bei ihm ein und dirigiert ihn hinter den anderen her. „Ich bin Tamara und wie heißt du?“, beginnt sie unbekümmert ein Gespräch. Bevor Tobias begreift was passiert, steht er mitten im Gewimmel und fünf Kinder hängen an ihm wie Kletten.

Es geht quer über den Weihnachtsmarkt, vor jeder Bude bleiben sie stehen und betrachten alles ganz genau. Über die Auslagen wird diskutiert und ständig wird er nach seiner Meinung gefragt. Mit der Zeit werden es immer mehr Beutel und Tobias weiß schon gar nicht mehr, wie er sie halten soll. Plötzlich stürmen die Kinder davon und schreien: „Gebrannte Mandeln!“

„Ja, ihr bekommt ja welche.“ Lachend eilt Anja ihnen hinterher und auch Tobias folgt ihnen.

„Magst du auch gebrannte Mandeln?“ fragend sieht Tamara ihn an.

„Ja, sehr gern sogar“, gibt Tobias ehrlich zu und bekommt auch gleich eine in den Mund geschoben. Da Tobias keine Hand frei hat, füttern die Kinder ihn mit Mandeln, auch Anja schiebt ihn hin und wieder eine in den Mund.

Sie sind über den gesamten Weihnachtsmarkt, nicht einen Stand oder ein Karussell haben sie ausgelassen. Und mehr als einmal musste sich Tobias in Erinnerung rufen, dass er Weihnachten eigentlich hasst und Kinder auch.

Gerade sind sie auf dem Weg zum Riesenrad für eine letzte Fahrt, da stellt sich ihnen ein hochgewachsener junger Mann in den Weg. „Wen habe ich denn hier erwischt“, gibt er mit angenehmer Stimme von sich. „Onkel David!“, begeistert springen die Kinder ihn an.

Nach einer stürmischen Begrüßung lässt er seinen Blick über Tobias schweifen. „Wer bist du denn? Anjas neuer Freund?“ Er wartet gar nicht erst eine Antwort ab, sondern wendet sich gleich an Anja: „Der Kleine ist doch gar nicht dein Typ, oder willst du mal was Neues ausprobieren?“

„Blödmann!“ Spielerisch schlägt sie nach ihm. „Tobias ist nett, verdammt nett sogar und ich mag ihn. Und außerdem stehe ich auf keinen bestimmen Typ“, macht sie ihm deutlich und tritt einen Schritt näher zu Tobias.

„Ist ja schon gut Schwesterchen.“ Grinsend greift er nach den Beuteln. „Ich nehme sie dir ab, sonst brichst du noch zusammen.“ Als sich kurz ihre Hände berühren, durchfährt Tobias ein eigenartiges Kribbeln. Erschrocken sieht Tobias auf und genau in Davids strahlendblaue Augen. Musternd betrachtet David ihn, dann huscht sein Blick zu seiner Schwester und dann wieder zu Tobias. Sein Grinsen wird breiter und noch einmal berührt er Tobias Hand, dieses Mal absichtlich.

Eine halbe Stunde später verabschieden sie sich und Tobias geht vollkommen verwirrt nach Hause.

Auf dem Weg zum Auto kann David sich die Frage nicht verkneifen: „Hast du seine Adresse?“

„Nein“, bekommt er prompt zur Antwort, doch gleich darauf erscheint ein breites Grinsen auf Anjas Gesicht. „Seine Adresse nicht, aber seine Handynummer. Das dürfte reichen.“

Ein Schmunzeln zieht über Davids Gesicht. ‚Wenn du dich mal nicht täuschst‘, geht es ihm dabei durch den Kopf.




Noch drei Wochen


Heute ist nicht sein Tag. Er kann sich überhaupt nicht konzentrieren und sein Schädel brummt ohne Unterlass. Daran ist nur dieser blöde Weihnachtsmarkt, mit seinen bunten Lichtern und dem Gedudel schuld. Und natürlich auch Anja und die Kinder.

Er versteht überhaupt nicht, was am Samstag mit ihm los war und warum Anja ihn so um den Finger wickeln konnte. Als Anja nach seiner Handynummer gefragt hat, natürlich nur für den Fall, dass sie sich im Gedränge verlieren, hat er sie ihr prompt gegeben. Jetzt, im Nachhinein ist das schon etwas verrückt. Schließlich haben sie ihn über den gesamten Markt gezerrt und dann haben sie auch noch sein Spanferkel und seine gebrannten Mandeln mitgehen lassen.

Erst in seiner Wohnung hat er gemerkt, dass sein Beutel verschwunden ist. Gewiss hat dieser David ihn sich geschnappt. Komisch, wenn Tobias an David denkt, läuft ihm gleich ein Schauer über den Körper. Ist ja auch kein Wunder, schließlich hat der Typ ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen, er hat ihn förmlich mit seinen Blicken erdolcht.

Noch einmal fährt Tobias durch seine blonden Haare. Hilft alles nichts, er muss noch ein bisschen was machen.

Eine Stunde später steht Fred in seiner Tür. „Was hältst du von einem Glühwein? Wir könnten nach der Arbeit kurz auf den Weihnachtsmarkt gehen.“

„Um Gottes willen, nicht schon wieder Weihnachtsmarkt“, stöhnt Tobias auf.

„Okay, dann ruf ich meinen Bruder an und er bringt den Glühwein mit.“ Breit grinsend eilt Fred aus dem Büro. Tobias sieht ihn nur verwundert hinterher.

Der Feierabend rückt näher, noch eine letzte Aufstellung und ein Telefonat und dann ist Schluss.

Gerade hat er das Telefonat beendet, öffnet sich die Tür und Fred kommt grinsend herein. „Bist du so weit? Wir haben es uns im Vorraum gemütlich gemacht.“ Verdutzt sieht Tobias ihn an und fragt: „Wir?“

„Mein Bruder Max, du erinnerst dich doch noch an ihm? Er hat Glühwein gebracht und auch so noch ein paar Kleinigkeiten.“

Misstrauisch folgt Tobias seinem Kollegen durch den Flur. Im Vorraum lässt er seinen Blick schweifen. Der Empfangsbereich ist ordentlich aufgeräumt, alle Unterlagen sind verstaut, kein Blatt liegt herum. Tobias Blick wandert weiter zur Sitzecke.

Ein junger Mann sitzt auf der Couch und knetet nervös seine Hände. Fred setzt sich zu ihm und klopft ihn aufmunternd auf die Schulter. „Das ist mein Bruder Max, er war Freitag mit in der Bar, aber du bist ja gleich abgehauen.“ Zögernd lässt Tobias sich in den Sessel sinken. Kaum sitzt er, reicht ihm Max mit zitternden Händen einen Becher Glühwein. Schnell schiebt Fred ihm einen Teller mit Gebäck rüber.

„Ähm ... ihr wollt doch etwas von mir?“, fragt Tobias mit einem unguten Gefühl.

„Ja, ich wollte dir Freitag bereits meinen Bruder vorstellen“, beginnt Fred und stößt Max in die Seite, damit er weiter spricht.

„Ich ... ich wollte fragen ...“, beginnt Max stotternd. „Ich würde gern ... wenn es geht ... ich mach auch alles, wirklich.“

Verwirrt sieht Tobias ihn an, dann gleitet sein Blick zu Fred. „Also was mein Bruder sagen will, er würde gern ein Praktikum hier machen. Ich habe schon mit dem Chef gesprochen, aber der meinte, du sollst das entscheiden, es ist schließlich deine Abteilung.“

Ah, jetzt versteht Tobias. „In welchem Zeitraum soll denn das Praktikum sein?“

„Ähm ...“, stottert Max, „jetzt.“

„Was heißt jetzt?“ Leicht irritiert sieht Tobias von einem zum anderen.

„Max meint, dass er sofort anfangen kann und gern bis Juli bleiben würde“, mischt sich Fred hilfreich ein. Ein Blick von Tobias genügt und Fred spricht weiter. „Max war im Sommer mit der Schule fertig und muss jetzt noch ein Jahr überbrücken, bis er mit seiner Ausbildung beginnen kann. Er kann hier überall helfen und bekommt gleich einen Überblick über den gesamten Aufgabenbereich.“

„Sie wollen Steuerberater werden?“, Tobias richtet seine Frage an Max und dieser nickt begeistert. Dann bringt er stotternd hervor: „Gern, aber Sie können ‚du‘ zu mir sagen.“

Ungläubig sieht Tobias von Max zu Fred, dann gibt er sich geschlagen. „Okay, wir versuchen es vier Wochen zur Probe. Ich brauche noch ...“

„Hab schon alles mit“, unterbricht ihn Max und reicht ihm auch gleich eine Mappe.

„Gut, dann sehen wir uns morgen.“ Tobias erhebt sich und fühlt sich ein kleines bisschen überrumpelt. „Ihr könnt ja noch euren Glühwein trinken, aber ich muss jetzt los.“ entschlossen wendet Tobias sich ab.


Gleich hat er es geschafft. Tobias kann schon sein Haus sehen. Nur noch fünf Buden, das Riesenrad und ein Bratwurststand, dann hat er seine Haustür erreicht. Zielstrebig eilt er darauf zu, doch am Riesenrad staut es sich und er muss seinen Schritt verlangsamen. Plötzlich hält ihn jemand am Ärmel fest. Als Tobias sich umwendet, schlingen sich zwei kleine Ärmchen um ihn und ein lauter Schrei ertönt: „Tobias!“

Tobias lässt seinen Blick zu der kleinen Person gleiten und seine Augen weiten sich. Oh nein, nicht schon wieder.

„Oh Tobias, schön, dass wir dich hier treffen“, hört er auch gleich darauf Anja. „Wir haben letztens ausversehen deinen Beutel mitgenommen, das sollte bestimmt dein Abendessen sein. Ich hoffe, du hattest noch etwas anderes. Es tut mir ja so leid.“

„Die Mandeln haben Tamara und Amanda allein aufgegessen, sie haben mir nichts abgegeben“, beschwert sich sofort Sofie. „Tante Anja, hat uns heute vom Kindergarten mitgenommen, weil Mama ganz lange arbeiten muss und Papa nicht extra los muss.“ Während das kleine Mädchen weiter plappert, zieht Kai an Tobias Ärmel. „Schau mal, da gibt es Weihnachtsbäume. Wir brauchen noch einen. Hast du schon einen?“

„Oh ja, lass uns mal schauen, wie sie aussehen“, lachend drängt Anja sie in Richtung der Weihnachtsbäume. Verzweifelt sieht Tobias von einem zum anderen. Er wollte nach Hause und nicht schon wieder über den Weihnachtsmarkt gezerrt werden.

Während Kai vorausläuft, greift Sofie seine Hand und Anja hakt sich bei ihm ein. „Wenn du noch keinen Baum hast, suchen wir auch gleich einen für dich aus“, teilt ihm Anja mit einem zuckersüßen Lächeln mit. Tobias muss schlucken und will gerade widersprechen, da erreichen sie den Stand.

Kai springt aufgeregt von einem Baum zum anderen. An jedem hat er etwas auszusetzen und Sofie nickt zustimmend. Anja hingegen steht seelenruhig an seiner Seite und schaut sich nur um. Plötzlich schreit sie auf: „Ah, da ist er ja!“, und beginnt wild zu winken. Gleich darauf schiebt sich Davids große Gestalt durch die Massen. Freudig umarmt er seine Schwester zur Begrüßung, dann hebt er die beiden johlenden Kinder hoch und zum Schluss schlägt er Tobias so fest auf die Schulter, dass dieser fast in die Knie geht. „Na Kleiner, hilfst du uns einen Baum aussuchen?“ Grinsend lässt David seinen Blick über Tobias gleiten, als er sieht, dass Anja sich sofort wieder bei Tobias einhakt, wird sein Grinsen noch eine Spur breiter. „Na dann lasst uns mal sehen“, freudig reibt sich David die Hände, dann legt er seinen Arm um Tobias Schultern. „Übrigens, das Spanferkel was klasse. Da ich es dir weggegessen habe, lade ich dich nachher zum Essen ein“, teilt er ihm mit einem Augenzwinkern mit. „He“, beschwert sich Anja, „ich will mit Tobias essen gehen.“

„Nein“, wehrt sich Tobias, „ich komme gerade von der Arbeit und muss nach Hause.“

„Du arbeitest hier in der Nähe und darfst jeden Tag auf den Weihnachtsmarkt gehen!? Das ist ja toll“, schreit Kai begeistert.

„Unsere Mama arbeitet dort“, Sofie zeigt auf das Einkaufszentrum, „arbeitest du auch dort?“ Tobias kommt nur zu einem Nicken, dann plappert die Kleine schon weiter: „Tante Anja arbeitet bei uns im Kindergarten, sie ist meine Erzieherin. Ich bin in der gelben Gruppe und Kai ist in der grünen, er kommt nächstes Jahr in die Schule. Onkel David geht jeden Tag zur Schule, um die Schüler zu ärgern, sagt er.“

„Genug geplappert, dem Kleinen klingeln ja schon die Ohren“, unterbricht David den Redefluss seiner Nichte, dann wendet er sich an Tobias. „Du arbeitest im Einkaufszentrum und hast schon Feierabend?“

„Nein, ich arbeite oben in den Büros, nicht unten im Einkaufszentrum.“

„Ich hab’s dir doch gesagt, er hat so zarte Hände, er muss in einem Büro arbeiten“, meint David triumphieren, dann schaut er lachend zu seiner Schwester und meint: „Kannst du ihn dir mit einer schweren Kiste vorstellen?“ Anja funkelt ihnen Bruder nur wütend an. „Sieh mich nicht so an, wenn der Kleine unseren Weihnachtseinkauf macht, muss er jede Flasche einzeln tragen, sonst bricht er zusammen.“ Schnaufend gibt Anja ihrem Bruder einen Stoß. „Such einen Baum aus“, faucht sie ihn an.

„Nichts für ungut Kleiner“, sagt David und verwuschelt Tobias die Haare, dann wendet er sich den Bäumen zu.

Anja und David drehen eine Runde und schauen sich die Bäume an. Während der Zeit steht Tobias da und überlegt, ob er einfach gehen soll. Doch das wäre nicht richtig, er muss sich wenigstens verabschieden.

Plötzlich ruft David ihn zu sich. „Schau mal ist der nicht was für dich?“ Fragend hält er einen Baum vor Tobias. Sofort schüttelt er den Kopf. „Ich brauche keinen Baum“, wehrt Tobias bestimmt ab.

„Schade, der würde gut zu dir passen. Er ist genauso klein und niedlich.“ Davids Blick ruht nach wie vor auf ihm. Tobias kann den Blick nicht deuten, aber dieser eigenartige Schauer überläuft ihn schon wieder. Hastig wendet Tobias sich um und murmelt: „Ich muss jetzt ...“

„Ja, du musst jetzt unbedingt etwas essen, schließlich kommst du gerade von der Arbeit.“ Entschlossen greift Anja seinen Arm und zieht ihn zu den Buden. „Was möchtest du denn gern?“ Bestimmt schiebt sie ihn von einer Bude zur nächsten. „Hier die Pilzpfanne sieht doch lecker aus, oder vielleicht doch ...“

„Ich sage Spanferkel, schließlich wollte er das schon einmal essen“, drängt David dazwischen.

„Bekommen wir Mutzen und gebrannte Mandeln?“, quengeln Sofie und Kai.

„Ich hab‘s“, ruft David erfreut aus, „wir fahren zum alten Weihnachtsmarkt, da gibt es die schönsten Bäume und wir können Grünkohl mit Pinkel essen und für euch gibt‘s Mutzen und gebrannte Mandeln.“ Freudig wird Davids Vorschlag aufgenommen, nur Tobias hebt abwehren die Hände. „Ich muss jetzt ...“

„Ach kommt, wenn du keinen Grünkohl magst, dort gibt’s auch Spanferkel.“ Bevor Tobias sich wehren kann, hat ihm David den Arm um die Schulter gelegt und manövriert ihn die Straße entlang, immer weiter von seiner Wohnung weg.

Ehe Tobias sich versieht, wird er auf den Beifahrersitz eines Multivans gedrückt und ab geht die Fahrt.

Zwanzig Minuten später steht er wieder mitten auf einem Weihnachtsmarkt und hat an jeder Hand ein Kind. Wenn er geglaubt hat, sie würden nur einen Baum aussuchen, etwas essen und dann wieder gehen, hat er sich getäuscht.

Anja drängt ihn zu einem Stand mit buntem Weihnachtsschmuck. Kaum steht er dort, greift ihn David und zieht ihn zu einem Glühweinstand und gleich darauf bekommt er einen Becher in die Hand gedrückt.

Noch immer hat er seinen Glühwein in der Hand, da schiebt Anja ihn bereits zu einem Stand mit Holzschnitzereien. Begeistert schaut Anja sich jedes Stück an und verlangt zu jedem einzelnen Stück seine Meinung.

„Komm Kleiner, da hinten gibt’s Spanferkel.“ Ehe Tobias sich versieht, zieht David ihn hinter sich her. „Nenn mich nicht immer ‚Kleiner‘, mein Name ist Tobias“, protestiert er und will sich losreißen. Amüsiert bleibt David stehen und sieht ihn von oben herab an. „Okay, ganz wie du willst, dann eben Bias.“ Tobias gibt ein empörtes Schnaufen von sich. „Schon gut mein Süßer, aber für deinen vollen Namen bist du einfach zu klein.“ Lachend schlingt er seinen Arm um Tobias und drängt ihn weiter.

„Wo wollt ihr denn hin?“, tritt ihnen Anja in den Weg.

„Der Kleine hat Hunger, ich kann seinen Magen bis hier oben hören.“ Empört schlägt Tobias seinen Arm weg. „Nur weil du einen Kopf größer bist, hast du nicht das Recht, auf meiner Größe herumzutrampeln.“

„Von Größe kann bei dir keine Rede sein. Wie klein bist du? Einsfünfundfünfzig, einssechzig?“

„Einssiebenundsechzig“, gibt Tobias schnaufend von sich. „Es kann ja schließlich nicht jeder so ein langer Lulatsch sein.“ Wutentbrannt dreht Tobias sich um und stürmt davon, doch weit kommt er nicht, denn zwei kleine Kletten hängen sich sofort an ihn. „Tobias bekommen wir jetzt gebrannte Mandeln?“, zwitschert Sofie mit einem Lächeln, das jedes Herz zum Schmelzen bringt. Wie kann er da nein sagen? Also gibt es jetzt erst einmal gebrannte Mandeln.

Während Tobias mit den Kindern die Mandeln holt, kommen Anja und David langsam auf ihn zu. „Du lässt die Finger von ihm, ich hab ihn zuerst gesehen“, hört er Anja sagen, Davids Antwort kann er allerdings nicht verstehen.

„Entschuldige, ich wollte mich nicht über deine Größe lustig machen, es ist nur so verlockend, wenn man selber fast zwei Meter groß ist.“ Lachend stupst David ihm in die Seite. „Du kannst ja richtig bissig werden und bist dabei noch verdammt süß.“

„Ich hab dir eben was gesagt“, fährt Anja ihren Bruder an.

„Ja, ja, schon gut“, wehrt David ab. „Ich geh schon mal vor zu den Bäumen.“ Während David davon stiefelt, schaut Tobias ihm hinterher. Ständig berührt David ihn, es sind schon keine Schauer mehr, die ihn überrollen, inzwischen ist es ein Dauerkribbeln. „Tobias!“ reißt ihn Anja aus seinen Gedanken. „Ich hab gefragt, ob du was essen willst, oder wir erst den Baum aussuchen? Wo bist du nur mit deinen Gedanken? Ärgerst du dich immer noch über David? Das musst du dir ganz schnell abgewöhnen, der ist nämlich immer so, da kann man nichts machen.“ Wie selbstverständlich greift sie seine Hand und steuert auf die Weihnachtsbäume zu.

Sofie und Kai mustern sehr angestrengt jeden Baum, den David hervorholt und sobald er ihn wieder wegstellt, schütteln sie den Kopf und geben ein synchrones Schnaufen von sich. Tobias steht etwas abseits und beobachtet sie schon eine ganze Weile und nur mit großer Anstrengung kann er sich ein Lachen verkneifen. Es ist aber auch verdammt niedlich, wie die Kinder Davids Bemühungen kommentieren. Gerade deutet Anja auf einen Baum: „Was ist mit dem?“

„Aber Tante Anja, den hatten wir doch schon“, gibt Kai mit einem altklugen Kopfschütteln von sich. „Ich glaube, wir finden heute keinen mehr“, sagt Sofie mit einem resignierten Schniefen.

„Ach was soll’s. Morgen kommt die nächste Lieferung, da ist bestimmt was dabei.“ David stellt den letzten Baum zurück und schaut zu Tobias rüber. „Kommst du morgen wieder mit? Wir können uns vor dem Einkaufszentrum treffen, oder ich hol dich aus deinen Büro ab.“

„Nein, ich kann nicht, muss einen Praktikanten einweisen, weiß nicht, wann ich Feierabend habe. Geht wirklich nicht, tut mir leid“, redet sich Tobias krampfhaft raus.

„Ach nicht so schlimm, dann gehen wir halt später. Wir werden auf jeden Fall auf dich warten und jetzt bekommst du dein Spanferkel.“


Zwei Stunden später betritt Tobias endlich seine Wohnung. Fix und fertig lässt er sich in einen Sessel fallen. Er hat nicht einmal mehr die Kraft, die Vorhänge zuschließen und so kann er deutlich sehen, wie das Riesenrad seine Runden dreht. Gequält stöhnt er auf. Seine Füße tun ihm weh und ihm ist schlecht. Ständig haben Anja und David ihm etwas in die Hand gedrückt und er sollte das alles essen. Es war von allem was dabei. Spanferkel war ja noch in Ordnung, aber dann musste er von Davids Grünkohl mit Pinkel kosten und Anja hat ihm von ihrer Pilzpfanne gegeben. Zwischendurch bekam er Mutzen und Mandeln von den Kindern zugesteckt. Dann kam Anja mit kandierten Früchten und David mit Piroggen. Da war er bereits pappsatt, aber die gefüllten Waffeln die Anja brachte, musste er noch unbedingt essen. Zum Schluss kam David dann auch noch mit Schoko-Erdbeeren, die er ihm mit einem zuckersüßen Lächeln in den Mund schob. Und nun ist ihm so schlecht. Warum hat er auch alles gegessen? Warum hat er nicht nein gesagt? Seine eigene Schuld. Mühsam erhebt er sich aus dem Sessel und schleicht ins Bad. Er will nur noch duschen und dann ins Bett.


Oh Gott, schon so spät. Hastig springt Tobias aus dem Bett und stürmt ins Bad. Schnell eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht geworfen, damit auch die letzten Traumfetzen verschwinden. Noch nie hat er solch verwirrendes Zeug geträumt. An Einzelheiten kann er sich nicht mehr erinnern, aber die bunten Lichter hat er noch deutlich vor Augen. Auch Anja und David kamen in seinem Traum vor.

Oh nein, sie wollen ja heute auf ihn warten und dann gemeinsam einen Baum aussuchen. Frustriert fährt er sich durch die Haare. Irgendwie muss er aus der ganzen Sache wieder rauskommen, aber das hat noch Zeit, jetzt muss er erst einmal zur Arbeit.


Obwohl er etwas spät dran ist, sind die anderen noch nicht im Büro. So setzt er sich an seinen Schreibtisch und holt die erste Akte hervor.

Tobias ist in seine Arbeit vertieft, als es klopft und gleich darauf die Tür sich öffnet. Max kommt mit einer Tasse Kaffee herein und stottert: „Ihr Kaffee, Fred hat gesagt, Sie brauchen morgens Kaffee.“

„Danke“, quält sich Tobias ab. „Bist du heute mit Fred gekommen? Hat er dir schon alles gezeigt?“

Ein leises ‚Ja‘ und ein hektisches Nicken bekommt er zur Antwort.

„Gut, heute wirst du bei Fred bleiben, er wird dir Aufgaben geben. Morgen werden wir uns zusammensetzen und alles Weitere klären.“ Wieder ein hektisches Nicken, dann verschwindet Max zur Tür hinaus. Bei dem ganzen Weihnachtsstress hat Tobias es noch nicht geschafft, Max‘ Unterlagen anzuschauen. Das muss er heute unbedingt noch machen.

Einige Zeit später will Tobias ein paar Unterlagen kopieren. Gerade als er in den Kopierraum will, nähert sich Fred schnellen Schrittes. „Ich bekomm das wieder hin, dauert nur einen Moment“, sagt er aufgeregt und drängt an Tobias vorbei und in den Raum. Gleich darauf hört er ihn fluchen: „Was hast du gemacht? So dämlich kann man doch nicht sein!“

Tobias hat genug gehört und hält es für besser, erst einmal eine andere Akte zu bearbeiten. Später wird der Kopierer hoffentlich wieder funktionieren.

Eine Stunde später konnte Tobias seine Kopien machen. Auf dem Weg zurück in sein Büro wird plötzlich eine Tür aufgerissen und Max stürmt mit einem Arm voller Unterlagen genau in ihn rein. Die gesamte Papierflut verteilt sich im Flur und es herrscht ein wildes Durcheinander. Fluchend wird eine Tür aufgerissen und Fred kommt herausgestürmt. „Max!“, schreit er los, „ich habe dir gesagt, du sollst nicht alles mit einmal nehmen. Immer nur einen Stapel, den abheften und dann den nächsten. Sieh dir an, was du gemacht hast.“ Hektisch fuchtelt Fred mit den Armen. Als er Tobias erblickt, sagt er schnell: „Kein Problem, wir bringen das ganz schnell wieder in Ordnung.“ Hastig hebt Fred ein paar Unterlagen auf. Tobias hockt inzwischen am Boden und sucht seine Unterlagen aus dem Chaos.


Zurück in seinem Büro versinkt Tobias gleich wieder in seine Arbeit, doch immer wieder dringt ein Poltern oder ein erschreckter Aufschrei zu ihm.

Nachdem er zum wiederholten Mal Freds laute Stimme im Flur vernimmt, legt er die Akte zurück und holt Max Mappe hervor.

Nach kurzer Zeit schlägt Tobias die Mappe zu und fährt sich aufstöhnend durch die Haare. Max hat ein gutes Abitur gemacht, er ist intelligent und scheint sehr fleißig zu sein. Aber seit seinem Schulabschluss hatte er bereits vier Praktikumsstellen, die zwischen zwei und drei Wochen dauerten. Das verheißt nichts Gutes. Genau in diesem Moment erklingt ein lautes Scheppern und gleich darauf schreit Fred laut: „Max! Was hast du jetzt schon wieder gemacht?“

Noch einmal tief Luft geholt, dann erhebt sich Tobias und geht auf den Flur. Das Chaos, das sich ihm dort offenbart, hat es in sich. Der Aktenwagen, der mit Akten fürs Archiv gefüllt war, liegt umgestürzt im Flur. Die gesamten Akten sind über den Boden verteilt. Doch damit noch nicht genug. Zwischen all den ganzen Akten liegt ein Tablett und zerbrochenes Geschirr, deren Essens- und Kaffeereste sich überall verteilt haben. Max steht mit gesenktem Kopf da und lässt die Strafpredigt seines großen Bruders über sich ergehen. Beide haben Tobias noch nicht bemerkt und so räuspert er sich laut. Als beide zu ihm schauen, deutet er auf das Chaos. „Max! Aufräumen und dann kommst du zu mir.“ Dann wendet er sich an Fred: „Du gehst wieder an deine Arbeit.“ Sein Ton zeigt deutlich, dass er keine Widerrede duldet. Einen kurzen Moment bleibt er noch stehen, dann geht er zurück in sein Büro.

Tobias mag es gar nicht, andere Leute zurechtzuweisen, aber genau das muss er jetzt tun. Bleibt ihm denn heute gar nichts erspart?


Gerade hat Tobias ein Gespräch mit einem Klienten beendet, da klopft es an der Tür und gleich darauf kommen Max und natürlich auch Fred herein. Tobias deutet auf die Stühle, damit sie sich setzen. „Ich will es kurz machen“, beginnt Tobias auch gleich das Gespräch. „So etwas wie heute will ich nicht noch einmal hier erleben. In unseren Büros herrscht nicht das Chaos, hier geht es ruhig und gesittet zu. So war es immer und so wird es bleiben.“

„Max wird sich zusammenreißen, ich werde sehr genau auf ihn achten und aufpassen, das ...“

„Nein Fred, du hast deine Arbeit und ich werde jetzt mit Max allein sprechen.“ Auffordern sieht Tobias ihn an und deutet auf die Tür.

Als sie allein waren betrachtet Tobias den nervösen jungen Mann vor sich, doch bevor er etwas sagen kann, spricht Max: „Muss ich jetzt gehen? Ich weiß, dass ich ungeschickt bin, aber ich gebe mir Mühe. Meine ganze Familie hat schon versucht mich in irgendwelchen Büros unterzubringen, doch es hat nie geklappt. Egal wie sehr sie auf mich aufgepasst haben, ich habe immer Mist gebaut. Doch dieses Mal kann ich es schaffen, bitte geben Sie mir noch eine Chance“, fleht er Tobias regelrecht an. „Stecken Sie mich ins Archiv um Akten zu sortieren, oder lassen sie mich irgendetwas andere machen, aber bitte nicht mit meinem Bruder zusammen.“ Musternd lässt Tobias seinen Blick über Max gleiten und überlegt. Max hat mehrere komplette Sätze gesprochen und nicht gestottert. „Na gut, dann lass uns mal überlegen, wo ich dich hinstecken kann.“


Das Gespräch mit Max zog sich in die Länge. Er hat eine Mange über den jungen Mann erfahren. Da Max das Nesthäkchen der Familie ist, wurden seine Praktikumsplätze alle von der Familie organisiert und dort wurde er auch von einem Familienmitglied betreut. Genau, wie jetzt Fred ihn betreut und unter die Arme greift. Sie haben ihm keine Chance gegeben, selbständig zu handeln. Tobias will das jetzt ändern und so wird Max sein Assistent. Seine erste Aufgabe besteht darin, die abgearbeiteten Akten die sich auf einem separaten Schreibtisch stapeln ins Archiv zu räumen. Damit hat er dann auch seinen Arbeitsplatz und Tobias kann ihn im Auge behalten.

Natürlich dauert auch das seine Zeit und es entsteht eine gewisse Unruhe, die Tobias nicht arbeiten lässt. Also hilft er seinem neuen Assistenten bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes. Als sie fertig sind, ist die Feierabendzeit bereits überschritten und so schickt er Max nach Hause und stürzt sich in die Arbeit. Tobias hat es überhaupt nicht eilig aus dem Büro zukommen.

Nach drei Stunden harter Arbeit beschließt Tobias, dass er jetzt gefahrlos nach Hause gehen kann. So lange werden sie bestimmt nicht auf ihn warten.

Auf dem Weg nach unten zieht er sein Handy aus der Tasche und wirft einen Blick darauf. Vier Anrufe und drei Nachrichten. Die letzte Nachricht kam vor fünfzehn Minuten: ‚Wir müssen jetzt los, mit Weihnachtsbaum aussuchen wird heute nichts mehr, aber Morgen ist ja auch noch ein Tag. GLG David‘

Erleichtert atmet Tobias auf und geht beruhigt nach Hause. Doch was meint David mit ‚Morgen ist auch noch ein Tag‘? Soll das heißen, dass sie morgen wieder auf ihn warten wollen. Na gut soll’n sie ruhig, Morgen ist sowieso sein langer Tag, da muss er eh bis zwanzig Uhr arbeiten. Ein zufriedenes Lächeln liegt auf seinem Gesicht, das aber gleich wieder verschwindet. Nein, er kann sie nicht einfach stehenlassen. Er muss ihnen mitteilen, dass er Morgen keine Zeit hat, das gehört sich so. Schnell tippt er eine SMS und drückt auf Senden. Gerade als er sein Handy einstecken will, klingelt es. „Hey Kleiner“, wird er überschwänglich von David begrüßt. „Hast du jetzt erst Feierabend?“

„Ja, bin gerade auf dem Heimweg. Tut mir leid, dass ihr so lange gewartet habt, aber ich sagte ja, dass ich nicht weiß ...“

„Ja, ja schon gut. War unsere Entscheidung und wir haben uns trotzdem gut amüsiert. Anja und die Kinder bin ich gerade losgeworden. Was hältst du davon, wenn ich dich abhole und wir beide Essen gehen? Ich kann natürlich auch was mitbringen und wir essen bei dir? Gib nur schnell deine Adresse, dann bin ich gleich da.“

„Nein, nein, ich bin heute völlig erledigt. Es war heute wirklich ein anstrengender Tag“, wehrt Tobias entschlossen ab. „Und Morgen kann ich auch nicht, da muss ich bis zwanzig Uhr arbeiten“, fügt er gleich noch an.

„Schade, ich würde gern noch ein bisschen Zeit mit dir verbringen, aber ich will dir deinen Schönheitsschlaf nicht rauben. Bis bald.“

„Ja, bis bald“, verabschiedet sich Tobias und legt sofort auf. Wieso will David Zeit mit ihm verbringen? Und wieso hat David überhaupt seine Nummer, er hat sie doch nur Anja gegeben? Er ist so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er den ganzen Trubel auf dem Weihnachtsmarkt gar nicht richtig mitbekommt und erstaunlich schnell seine Wohnung erreicht.

In seiner Wohnung macht er seinen üblichen Rundgang und schließt alle Vorhänge. Sein nächster Halt ist die Küche. Rasch ein TK-Menü in die Mikrowelle geworfen und in der Zwischenzeit in bequeme Kleidung geschlüpft.

Gerade hat er es sich mit seinem Essen vor dem Fernseher im Schlafzimmer bequem gemacht, klingelt sein Handy. Ohne einen Blick draufzuwerfen, meldet er sich mit einen kurzen: „Ja“

„Hey mein Kleiner, bist du schon zu Hause? Soll ich nicht doch noch vorbeikommen? Ich könnte dir den Rücken massieren, oder hat dein Freund was dagegen“, redet David gleich auf ihn ein.

 „Ähm ... Was!?“, gibt Tobias verwirrt von sich und gleich darauf vernimmt er Davids amüsiertes Lachen. „Hast du oder hast du nicht?“

„Was?“, fragt Tobias irritiert.

„Na ich will wissen, ob du einen Freund hast. Ist das so schwer zu verstehen, mein Süßer?“

„Ich einen Freund!? Wie kommst du darauf?“

„Na ganz einfach, du bist ein verdammt netter und gutaussehender kleiner Kerl. Solche Typen wie du sind nicht lange allein. Aber du hast anscheinend keinen Freund. Da hab ich ja Glück.“

„Jetzt hör mal. Ich hab keinen Freund und ich will keinen Freund, denn ich stehe nicht auf Männer.“

„Dann hast du eine Freundin? Hätte ich nicht gedacht.“

„Ich hab auch im Augenblick keine Freundin.“

„Aber du hattest schon mal eine? Wann war das?“

„Schon ein bisschen her“, gesteht Tobias leise.

„Wie lange ist ein bisschen?“

„Sieben Jahre“, Tobias wird immer leiser, dafür brüllt David umso lauter: „Was!? Seit sieben Jahren bis du allein. Nicht mal ein Flirt oder ein One-Night-Stand?“ David kann es nicht fassen.

„Nichts der Gleichen und ich will auch nichts und jetzt lass mich in Ruhe.“ Mit einem komischen Gefühl im Magen drückt er das Gespräch weg. Sieben Jahre ist wirklich eine lange Zeit, aber ihm ist nie eine Frau begegnet, die ihm gefällt und auf Männer steht er nun wirklich nicht. Anja ist recht hübsch, mit ihren rotblonden Haaren und den blauen Augen. Sie besitzt Temperament und ist voller Leben, das gefällt ihm recht gut, aber mehr auch nicht. Davids Augen sind noch eine Spur intensiver und sein Haar hat noch ein bisschen mehr rot. Vom Körperbau kann er es gut und gerne mit Holger aufnehmen, David ist sogar noch etwas größer und sieht verdammt gut aus. Tobias Gedanken drehen sich im Kreis, aber deswegen steht er noch lange nicht auf Männer. Ein leises ‚Kling‘ schreckt ihn hoch. Sein Handy zeigt eine neue Nachricht von David: „Schlaf gut mein Süßer.“



Verzweifelt lässt Tobias den Kopf sinken und stöhnt gequält auf. „Max, du solltest mir nur ein Schreiben raussuchen und was bekomme ich von dir? Fünf Ordner.“ Genervt winkt er Max zu sich. „Hier im letzten Ordner, diese drei Blätter brauche ich. Kannst du dich daran erinnern was ich zu dir gesagt habe?“ Betreten nickt Max, sagt aber kein Wort. „Und was habe ich gesagt?“, bohrt Tobias weiter.

„Ich soll aus dem Ordner das oberste Schreiben holen.“

„Genau, aus dem letzten Ordner, das oberste Schreiben, diese drei Blätter. Warum zum Teufel bringt du mir dann fünf Ordner an?“

„Ich dachte, vielleicht brauchen Sie aus den anderen auch noch etwas“, kommt es kleinlaut von Max.

„Dann hätte ich es gesagt.“ Mit einem Schnaufen nimmt er die Blätter aus dem Ordner und schiebt den Rest zu Max. „Die räumst du jetzt alle wieder zurück. Erst dann darfst du gehen.“ Sofort nickt Max und will alle Ordner mit einmal greifen. „Stopp! Hast du schon vergessen, was das letzte Mal passiert ist, als du alles mit einmal nehmen wolltest?“, hält Tobias ihn hastig auf.

„Mir sind die ganzen Unterlagen runtergefallen und ich habe Stunden gebraucht um alles wieder zu sortieren und abzuheften“, gibt Max bereitwillig Auskunft.

„Und was habe ich da zu dir gesagt.“

„Ich soll lieber ein Mal öfter gehen.“ Ergeben schiebt Max den Stapel zurück auf den Tisch und nimmt nur einen Ordner, geht rüber zum Aktenschrank und stellt ihn an seinen Platz. Nach kurzer Zeit befinden sich die Ordner wieder an ihrem Platz und Max hat Feierabend. Von der Tür aus wünscht er Tobias noch ein schönes Wochenende.

„Ja, ja, schönes Wochenende“, murmelt Tobias vor sich hin. Das kann er sich wohl abschminken. Jeden Tag hat er ein paar Nachrichten von Anja und David erhalten. David lässt es sich auch nicht nehmen, jeden Abend bei ihm anzurufen. Er beginnt jedes Mal mit einer Einladung zum Essen und endet mit einem ‚Gute Nacht mein Süßer‘.

Gestern wollte er das Gespräch gar nicht annehmen, es einfach wegdrücken, aber das wäre unhöflich. Also hat er eine Stunde mit David telefoniert und die meiste Zeit ging es darum, wo man den besten Weihnachtsbaum bekommt. Zum Schluss hat David beschlossen, dass sie am Samstag zu einer Baumschule fahren und dort einen Baum holen. Tobias hat ihm zwar sehr deutlich gesagt, dass er keine Zeit hat, doch David meinte nur: ‚Wir treffen uns dann um eins am Riesenrad‘, und hat dann aufgelegt.

Was soll er jetzt machen? Einfach nicht hingehen und ihn warten lassen wäre unhöflich. Nur ein Baum aussuchen und das in einer Baumschule, kann doch gar nicht so schlimm sein. Tobias wälzt seine Gedanken hin und her. Na ja, vielleicht wird er sich ja doch mit David treffen.

Entschlossen räumt er seinen Schreibtisch auf und geht in den verdienten Feierabend. Die Woche hatte es wirklich in sich. Max ist ja ein ganz netter Junge, aber er ist ein Tollpatsch durch und durch. Selbst wenn er nur zwei Sachen in den Händen hält, fällt schon etwas runter. Zwei Mal ist er bereits mit seinem Stuhl umgekippt, ein Wunder, dass er sich noch nicht selbst umgebracht hat. Inzwischen gibt es auch etliche Tassen weniger in ihrer kleinen Küche und gestern konnte Tobias gerade noch die Kaffeemaschine auffangen. Dabei wollte Max nur frischen Kaffee ansetzen.

Doch jetzt beginnt sein Max freies Wochenende. Noch einmal lässt er seinen Blick schweifen und schaut, ob alles an seinem Platz ist. Da fällt ihm der Rucksack, direkt neben Max seinem Platz auf. Kopfschüttelnd greift Tobias danach.

Während er durch den Flur geht, zieht er sein Handy aus der Tasche und wählt Freds Nummer. Prüfend schaut Tobias sich noch einmal um und wendet sich zum Gehen. In diesem Augenblick wird die Tür kraftvoll aufgestoßen und schlägt Tobias gegen den Kopf, da Max sofort hereinstürmt, reißt er Tobias unsanft zu Boden und genau da meldet sich Fred: „He Tobias, was ist denn los?“

„Oh scheiße“, stöhnt Tobias schmerzhaft auf.

„Was ist passiert? Bist du noch im Büro? Ich bin gleich oben“, schreit Fred beunruhigt ins Handy.

„Du brauchst nicht kommen. Ich kümmere mich schon um Tobias“, meldet sich Max hastig zu Wort, doch Fred hat das Gespräch bereits beendet.


Keine drei Minuten später kommt Fred herein und findet Max mit verzweifelter Miene auf dem Sessel sitzend vor. „Wo ist Tobias?“ Max deutet nur zu den Sanitäranlagen. Sofort eilt Fred darauf zu.

Drinnen steht Tobias am Waschbecken, ein nasses Papiertuch auf seine Lippe gedrückt und sieht ihn mit funkelndem Blick an.

„Was ist passiert?“, fragt Fred besorgt.

„Max“, gibt Tobias schnaufend von sich. „Er kommt hereingestürmt. Erst knallt er mir die Tür an den Kopf, dann schmeißt er mich zu Boden, fällt dabei auf mich und schlägt mir mit seinem Kopf noch fast einen Zahn aus.“

„Lass mal sehen“, drängt Fred heran. Als er die aufgeplatzte Lippe und den blutenden Zahn sieht, zieht er scharf die Luft ein. „Oh scheiße, es tut mir so leid. Aber Max hat das nicht mit Absicht getan“, nimmt er auch gleich seinen kleinen Bruder in Schutz.

„Ich weiß, dass er es nicht mit Absicht getan hat. Er macht nie etwas mit Absicht.“ Noch einmal tupft er seine Lippe ab, dann wendet er sich Fred zu. „Bring ihn nach Hause und sag ihm, es ist alles in Ordnung.“

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja, ja, ich mach mich auch gleich los. Hau schon ab.“

Rasch richtet Tobias seine Kleidung und kontrolliert noch einmal seinen Anblick im Spiegel. „Na was soll’s Morgen werde ich wohl eine richtig dicke Lippe haben“, teilt er seinem Spiegelbild mit.


Als er kurze Zeit später das Einkaufszentrum durchquert, kommen zwei kleine Kinder laut schreiend auf ihn zu gestürmt. „Tobias, wir haben schon so lange auf dich gewartet.“ Sofie hält ihn fest umklammert, bis er sich bückt und das Mädchen auf den Arm nimmt. „Hallo Tobias“, kommt auch Anja näher, schlingt den Arm um seinen Hals, zieht ihn zu sich und küsst ihn auf die Wange. „Was hast du denn gemacht?“, fährt Anja zurück.

„Ach das ist nichts“, wehrt Tobias ab.

Sofie legt ihre kleinen Hände an seine Wangen und betrachtet seine Lippe ganz genau. „Doch, sie sieht ganz schlimm aus“, tut Sofie ihre Weisheit kund.

„Wirklich, ich will sie auch mal sehen“, drängt Kai näher.

„Nein, da gibt es nichts zu sehen“, bestimmt Anja mit einem strengen Blick. Vorsichtig setzt Tobias die kleine Sofie wieder ab, diese greift gleich nach seiner Hand und teilt ihm mit, dass sie sich um ihn kümmern wird, solange er verletzt ist.

„Na dann kommt, wir wollen doch alle zusammen eine Runde mit dem Riesenrad fahren.“ Lachend drängt Anja sie ins Freie und gleich weiter in Richtung Riesenrad. Die Richtung gefällt Tobias ja recht gut, nur würde er lieber am Riesenrad vorbei und in seine Wohnung gehen.

Eine Weile lässt Tobias sich führen, doch vor dem Riesenrad bleibt er stehen. „Tut mir leid, aber mir ist heute wirklich nicht nach Unterhaltung, ich bin fix und fertig.“

„Ach komm, eine Runde, die Kinder freuen sich so darauf.“ Anja zieht einen kleinen Schmollmund und sieht ihn mit einem betörenden Augenaufschlag an. Sofie an seiner Hand sieht ihn bittend an und Kai meint traurig: „Wir haben extra auf dich gewartet.“

„Okay“, gibt sich Tobias wieder einmal geschlagen. „Aber nur eine Runde.“ Sofort schlingen alle drei ihre Arme um ihn.

„Was ist denn hier los? Gruppenkuscheln? Dann komm ich ja gerade richtig.“ Augenblicklich werden sie von zwei starken Armen umschlossen und Tobias spürt hinter sich einen großen kräftigen Männerkörper, der sich fest an ihn schmiegt. „Hallo mein Süßer“, raunt David ihm ins Ohr.

„Onkel David!“, schreien die Kinder auf und stürzen sich auf ihn. „Wir wollen jetzt Riesenrad fahren, kommst du mit?“

„Was machst du hier? Hast du nicht noch ein paar Arbeiten zu kontrollieren?“, fährt Anja ihren Bruder an.

„Schon erledigt und außerdem geht es dich gar nichts an.“ David beugt sich zu ihr und flüstert: „Du hast sowieso keine Chance bei ihm.“ Als David sich zu Tobias wendet, reißt er erschrocken die Augen auf. „Was ist denn mit dir passiert? Welcher Arsch war das?“, will er sofort wissen und steht in null Komma nichts vor ihm. Langsam hebt er die Hand und streicht mit seinem Daumen sanft über Tobias‘ Lippe. Bei dieser Berührung stellen sich Tobias Nackenhaare auf und ein heißer Schauer läuft ihm über den Rücken. Hastig dreht er den Kopf weg. „Das ist doch nur eine aufgeplatzte Lippe“, wehrt Tobias ab.

„He Kleiner, wann hast du das letzte Mal in den Spiegel geschaut? Das ist mehr als nur eine aufgeplatzte Lippe.“ Sanft streicht sein Finger über Tobias Kinn. „Hier ist alles blau und geschwollen“, dann geht sein Finger nach oben zu Tobias Stirn und fährt darüber. „Und hier mein Süßer bekommst du ein gewaltiges Horn.“ Erschrocken greift sich Tobias an die Stirn und zuckt zusammen. „Au scheiße, da hab ich die Tür abbekommen.“

„Wohnst du weit von hier?“, fragt David besorgt.

„Nein“, bringt Tobias leise hervor, denn schließlich steht er ja schon fast vor seiner Haustür.

„Ich bring dich nach Hause, der ganze Trubel ist heute nichts für dich. Du hast doch bestimmt Kopfschmerzen?“

Oh ja die hat Tobias wirklich, aber er hebt abwehrend die Hände. „Ich hab den Kindern eine Fahrt im Riesenrad versprochen und danach geh ich allein nach Hause.“

„Na gut, wenn du es dir zutraust, aber ich bleibe an deiner Seite.“


Gleich nach der Fahrt mit dem Riesenrad will Tobias sich verabschieden, doch Anja hält ihn am Arm fest. „David, bringst du bitte die Kinder nach Hause!? Ich werde Tobias begleiten und mich um ihn kümmern, so kann er unmöglich allein nach Hause gehen.“

„Vergiss es Schwesterchen, ich werde ihn begleiten. Und ich kann mich auch viel besser um ihn kümmern.“

„Ich brauche keine Begleitung, ich komme gut allein zurecht und außerdem habe ich es nicht weit.“

„Dann können wir dich doch alle nach Hause bringen“, platzt es aus Sofie heraus. Nein! Bloß das nicht, wenn sie wissen, wo ich wohne, werde ich sie nie mehr los, schießt es Tobias durch den Kopf. Davids Blick springt zwischen Sofie und Anja hin und her. „Nein, wir können nicht alle gehen, das verkraftet der Kleine nicht, er braucht seine Ruhe“, entkräftet David rasch den Vorschlag.

Oh ja, Ruhe braucht Tobias jetzt wirklich, aber wie kommt er in seine Wohnung, ohne dass sie mitbekommen, wo er wohnt? Tobias geht zum nächsten Imbissstand und setzt sich dort auf eine Bank. Er wird hier warten, bis sie verschwinden, beschließt er im Stillen. Doch kaum sitzt er, steht David vor ihm. „Geht es dir nicht gut? Ist dir schlecht?“, fragt er besorgt.

„Nein, alles bestens. Mich nervt nur eure Streiterei. Ich habe es nicht weit und ich komme allein zurecht.“

„Okay wie du willst. Aber ich werde dich nachher anrufen und ...“

„Nein“, platzt Tobias dazwischen. „Ich werde heute noch ein längeres Gespräch mit meiner Mutter führen.“

„Wohnt deine Mutter weiter weg?“, fragt Anja nach.

„Ja, ein Stück ist es schon.“

„Bist du über Weihnachten bei ihr?“, ist ihre nächste Frage.

„Nein, ich bleibe hier“, gibt Tobias bereitwillig Auskunft.

„Allein!“, ruft David entsetzt aus.

„Ja, wie jedes Jahr“, faucht Tobias ihn an.

„Aber dies Mal muss du nicht allein sein, du kannst zu uns kommen. Tante Anja und Onkel David kommen auch und Mama und Papa sind auch da. Und Tante Mona und Onkel Torsten und Tamara und Amanda und auch Marc, alle sind da auch Oma und Opa.“ Aufgeregt zählt Sofie alle auf und Kai nickt bestätigend.

„Ja, eine super Idee“, bestätigt auch David.

„Nein, ich will keinem zur Last fallen“, wehrt Tobias ab.

„Du fällst doch keinem zur Last, aber das klären wir noch. Doch jetzt solltest du wirklich nach Hause gehen und morgen treffen wir uns dreizehn Uhr hier. Abgemacht!?“ David streckt ihm die Hand hin. Nach kurzem Zögern schlägt Tobias ein.

Die Verabschiedung fällt genau so herzlich aus wie die Begrüßung, nur dass David ihm noch einen zärtlichen Kuss auf die wunde Lippe haucht. Vollkommen verwirrt steht Tobias da und schaut ihnen hinterher, bis sie im Gedränge verschwinden.


Anja hängt sich bei ihrem Bruder ein. „David, ich hab dir gesagt, du sollst die Finger von ihm lassen. Tobias gehört mir.“

„Schwesterchen, du hast keine Chance bei ihm, er und ich, wir fischen am gleichen Ufer.“

„Ich glaub nicht, dass er schwul ist“, protestiert Anja.

„Ist er aber, er weiß es nur selbst noch nicht. Und ich glaube, er mag mich.“ Grinsend haucht er ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“

„Er hat nichts dagegen, wenn ich ‚mein Süßer‘ zu ihm sagen.“




Noch zwei Wochen


Tobias mag keine Unpünktlichkeit, so verlässt er lieber eine viertel Stunde früher seine Wohnung. Doch als er durch die Haustür tritt, steht David plötzlich vor ihm. „Hallo mein Süßer“, stürmisch reißt David ihn in seine Arme und drückt ihn einen sanften Kuss auf die Lippen. „Sag bloß du wohnst hier“, redet er gleich weiter. „Wow, das ist ja klasse. Du musst ja einen traumhaften Ausblick haben. Zeigst du ihn mir?“ David macht auch gleich einen Schritt auf die Haustür zu. „Ich denke, wir wollen einen Weihnachtsbaum holen“, will Tobias ihn aufhalten.

„Ach, das hat noch etwas Zeit und so lange dauert es doch nicht.“ Bittend sieht David ihn an und murmelt: „Komm schon, geht doch ganz schnell.“ Und wieder einmal gibt sich Tobias geschlagen und geht ihm voraus in die dritte Etage.

In der Wohnung deutet Tobias erst auf die Küche, dann aufs Wohnzimmer. „Von der Küche und dem Wohnzimmer aus kannst du den ganzen Weihnachtsmarkt überblicken.“

Verwundert wirft David einen Blick hinein. „Und warum hast du alle Vorhänge zugezogen? So bekommst du doch nichts mit.“ Geschwind eilt David von einem Fenster zum nächsten und öffnet die Vorhänge. „So ist es schon viel besser“, sagt er mit einem strahlenden Lächeln.

„Ich mag die bunten Lichter nicht“, gibt Tobias brummen von sich.

„Aber das ist doch das Schöne an der Vorweihnachtszeit. Über all die bunten Lichter, leise Weihnachtsmusik und ein köstlicher Duft nach Plätzchen und gebrannten Mandeln in der Luft.“ Langsam kommt er auf Tobias zu und schlingt seine Arme um ihn. „Und Weihnachten einen schönen Gänsebraten mit Grünkohl und Klöße.“ Seine Stimme wird immer leiser und sein Mund kommt Tobias verdächtig nah. Hastig befreit sich Tobias aus der Umarmung. „Aber ich hasst Weihnachten. Die bunten Lichter und das Gedudel gehen mir auf die Nerven. Und jeder hetzt nur von Geschäft zu Geschäft, um noch irgendwo ein Schnäppchen abzufassen. Nein danke, darauf kann ich verzichten.“

Erschrocken weicht David zurück, dann zieht ein Schmunzeln über sein Gesicht. „Okay, dann hetzen wir heute nicht den Schnäppchen hinterher, sondern machen ein auf ‚besinnliche Weihnacht‘ und suchen ganz entspannt und in aller Ruhe einen Weihnachtsbaum aus.“ Während Tobias ihn grimmig anfunkelt, zuckt es verdächtig um David Mund. „Na komm, so langsam müssen wir los, aber vorher ... darf ich mal deine Toilette benutzen?“ Tobias sieht ihn immer noch grimmig an, deutet aber auf die Tür gegenüber der Küche.

Sobald David im Bad verschwunden ist, eilt Tobias ins Wohnzimmer und schließt alle Vorhänge.

„Wow, du hast ja auch nach hinten einen herrlichen Ausblick“, vernimmt er David aus dem Bad. Gleich darauf steht David vor ihm. „Aber leider kannst du die Schlittschuhbahn von hier nicht sehen.“

„Doch kann ich.“ Tobias öffnet eine weitere Tür. „Mein Arbeitszimmer“, sagt er kurz und deutet auf das Fenster. „Von dort hast du einen perfekten Blick darauf.“ Das Angebot lässt sich David nicht zwei Mal machen und eilt gleich ans Fenster. „Das ist ja fantastisch. Die Eisbahn wurde gestern eröffnet und von hier sieht man genau, was dort los ist.“

„Ja leider“, gibt Tobias unwirsch zurück.

„He was hältst du davon, wenn wir Morgen Schlittschuh laufen.“

„Nein, auf gar keinen Fall“, wehr Tobias sofort energisch ab.

„Na gut, aber jetzt müssen wir wirklich los.“ Entschlossen greift David seine Hand und zieht Tobias zur Tür. „Und heute Abend setzen wir uns mit einem Glas Glühwein gemütlich in dein Wohnzimmer ans Fenster und schauen uns die bunten Lichter an.“

„Nein“, schreit Tobias auf.

„Ach warte erst mal ab, dir wird es schon gefallen mein Schatz.“


Zehn Minuten später sitzen sie in Davids Auto und verlassen die Stadt. „Wir fahren zuerst Anja und die Kinder abholen, dann geht’s gleich weiter zur Baumschule.“

„Wird es lange dauern?“

„Meinst du die Fahrt oder bis wir beide wieder allein in deiner Wohnung sind. Du kannst es wohl kaum erwarten, mein Süßer.“ Süffisant lächelt David zu ihm rüber und Tobias verdreht genervt die Augen. „Bis wir die Baumschule erreicht haben, meine ich und in meiner Wohnung hast du nichts zusuchen.“

„Das werden wir ja sehen“, nuschelt David vor sich hin und lauter sagt er: „Was machen eigentlich deine Blessuren? Durch deine schönen Haare fällt die Beule kaum auf, aber dein Kinn ist ganz schön blau geworden.“

„Ist alles nicht so schlimm.“

„Verrätst du mir, wie es passiert ist?“

„Ja, warum nicht!?“ Tobias zuckt leicht mit den Schultern. „Der neue Praktikant ist ein Tollpatsch.“

Während der Fahrt erzählt Tobias ihm die ganze Geschichte und David lauscht interessiert. „Du hattest ja eine recht anstrengende Woche im Büro.“

„Ja, aber Max macht das ja nicht mit Absicht.“

„Wenn er zu tollpatschig ist, dann schick ihn doch wieder weg“, sagt David und meint es auch so.

„Nein“, stößt Tobias empört aus. „Wenn ich ihm keine Chance gebe, bekommt er nie eine“, rechtfertige er sich auch gleich.

„Und was machst du, wenn er einmal einen richtigen Schaden anrichtet?“

„Das wird er schon nicht und wenn, ach ... ich weiß doch auch nicht“, gibt Tobias verzweifelt von sich.

„Na schon gut, aber du solltest dir wirklich Gedanken darüber machen. Und schon haben wir unser erstes Ziel erreicht“, sagt David und biegt in eine schmale Straße ein. Vor einem Haus steht bereits Anja und winkt. Kaum steht das Auto, reißt sie die Tür auf und springt hinein. „Warum seit ihr so spät?“, faucht sie gleich los. „Habt ihr eine Ahnung, wie kalt es ist!? Ich bin völlig durchgefroren“, beschwert sie sich weiter.

„Mach halblang Schwesterchen, du hättest ja auch drin bleiben können.“

„Ja klar doch, als ob du bei der Kälte ausgestiegen wärst“, feuert Anja zurück.

„Ach du hattest nur Angst, dass wir ohne dich fahren.“

„Dir trau ich das auch zu und jetzt fahr endlich, die Kinder werden schon warten.“

Während Tobias dem liebvollen Geplänkel der Geschwister lauscht, erscheint ein Schmunzeln auf seinem Gesicht. Mit seinem Bruder wäre so etwas nicht möglich, der hätte ihn schon längst angeschrien.

„Wir müssen nur zwei Straßen weiter“, teilt ihm David gerade mit. Gleich darauf sagt er: „Drei Mal darfst du raten, wo wir hin müssen.“ Ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht und Tobias schau misstrauisch auf das große Haus mit den vielen bunten Lichtern. Dann schaut er fangend zu David. „Ja, genau dort hin“, bekommt er zur Antwort.

„Hier dauert es etwas länger, also kommt mit rein.“ Aufmunternd nickt David ihm zu und Tobias folgt ihnen zur Tür.

Während sie von einer älteren Frau liebevoll begrüßt werden, stürmt eine ganze Horde Kinder auf sie zu. David legt seinen Arm um Tobias und stellt ihn der älteren Dame vor. „Ach du bist also Davids Freund. Schön, dass wir uns endlich kennenlernen. David und Anja haben schon so viel vor dir erzählt.“ Tobias Augen werden immer größer. Schon so viel erzählt? Aber sie kennen sich doch gerade mal eine Woche. Tobias Gedanken rattern. Was haben sie bloß erzählt? Sein Blick schweift zu David, dieser zwinkert ihm zu und flüstert: „Nur Gutes.“

„Los anziehen, sonst bleibt ihr hier“, treibt Anja die fünf Kinder an und eine viertel Stunde später sitzen sie alle im Auto.

Tobias ist nicht klar, wie sie einen Baum transportieren sollen, wo doch das Auto jetzt schon voll ist. Aber das soll nicht seine Sorge sein.

Erst geht die Fahrt an leeren Feldern vorbei, dann durch ein kleines Dorf und an seinem See biegt David ab. Von jetzt an geht es auf schmalen Schotterwegen weiter.

Während der Fahrt schnattern die Kinder munter darauf los und Tobias erfährt, dass der Opa und der Vater der älteren drei Kinder später nachkommen.

Irgendwann fährt David auf einen Parkplatz. Sobald alle aus dem Auto gestiegen sind, springen die Kinder herum und drängen auf einen mit Weihnachtsgirlanden geschmückten Weg hin und Sofie ruft: „Beeilt euch, sonst verpassen wir das Märchen.“

„Wir haben noch genug Zeit“, beruhigt sie Anja und Marc, das älteste Kind meint: „Wir können doch schon vorgehn und ihr kommt nach.“ Bittend sieht er Anja an. Als Anja nickt, stürmen die Kinder davon und sie folgen ihn gemächlichen Schrittes.

Der Weg führt sie durch einen Tannenwald direkt auf eine Lichtung. Dort steht in der Mitte ein gewaltiger Weihnachtsbaum, buntgeschmückt und mit vielen Lichtern. Um ihn herum sind unzählige Märchenfiguren aufgebaut und eine kleine Bimmelbahn fährt um alles herum.

Auf einer Seite ist eine kleine Bühne aufgebaut, davor stehen ein paar Bänke und genau dort wollen die Kinder hin. Tobias lässt seinen Blick weiter in der Runde schweifen. Am äußeren Rand entdeckt er ein paar Buden, die alle wie kleine Hexenhäuschen aussehen. An ihnen gibt es Glühwein, gebrannte Mandeln, Mutzen und auch noch andere Leckereien. Eine Bude mit Weihnachtsschmuck entdeckt er auch, mehr gibt es hier nicht. Die Musik ist nur ganz leise im Hintergrund zu hören und Tobias muss zugehen, dass es ihm gefällt.

Die Kinder haben sich schon ihre Plätze gesichert und Anja geht zu ihnen, während David und er hinten stehen bleiben. „Dies Mal gibt‘s Frau Holle“, teilt ihm David mit. „Willst du zu schauen oder gehen wir einen Baum aussuchen?“, fragt er schmunzelnd.

„Ich steh nicht so auf Frau Holle“, gibt Tobias zurück, „suchen wir lieber einen Baum aus, aber nur wenn du auf Frau Holle verzichten kannst.“

„Mit Frauen kann ich nichts anfangen“, lachend legt er seinen Arm um Tobias und dirigiert ihn einen Waldweg entlang. Nur ein paar Meter, dann haben sie die großen Bäume hinter sich und stehen mitten in den Weihnachtsbäumen.

„Schau dich schon mal um, ich bin gleich wieder da“, sagt David und geht zu einem Hexenhäuschen. Als er zurückkommt, hält er ein kleines Fähnchen in der Hand. „Für unseren Baum“, meint er schmunzelnd und Tobias wird klar, dass er die ganze Zeit David anstarrt und nicht einen Baum betrachtet hat. Hastig wendet er sich ab und steuert auf die nächsten Bäume zu. „Nein die sind etwas zu kein“, wird er von David aufgehalten. „Lass uns mal da hinten schauen.“

Nach kurzer Zeit stehen sie vor einer gewaltigen Nordmanntanne. „Was meinst du?“, fragt David ihn.

„Ist sie nicht ein bisschen groß“, äußert Tobias seine Bedenken.

„Nein, die hat genau die richtige Größe. Aber ich glaube, die Spitze hat einen leichten Knick.“

Tobias schaut sich um und verschwindet zwischen den Bäumen. „Was hältst du von dem hier“, ruft er über die Schulter zurück. Gleich darauf erscheint David neben ihm und betrachtet den Baum von allen Seiten.

„Der ist perfekt“, sagt David und zieht Tobias in seine Arme. Ehe er sich versieht, legen sich Davids Lippen aus seine und verschmelzen zu einem sinnlichen Kuss. Es dauert einen Moment, bis Tobias ihn von sich schiebt. „Lass das“, flüstert er und schaut sich verlegen um. Doch niemand schenkt ihnen Beachtung.

„He da ist doch nichts dabei, andere Pärchen küssen sich auch“, beschwichtigt ihn David.

„Wir sind aber kein Pärchen, wir kennen uns gerade mal eine Woche.“ Tobias will entrüstet klingen, doch es klingt selbst in seinen Ohre verunsichert.

„Ja, wir kennen uns noch nicht lange“, gibt David zu, „aber manchmal geht es ganz schnell. Und du kannst mir nicht erzählen, dass du nichts für mich empfindest.“ David richtet seinen Blick fest auf Tobias. Hastig wendet Tobias seinen Blick ab und deutet auf die Tanne. „Willst du nicht dein Fähnchen anbringen, sonst schnappt sie noch ein andere weg.“

„Du hast recht und es wäre schrecklich, wenn uns jemand den Baum wegschnappt.“ Lachend verwuschelt er Tobias die Haare und geht zum Baum.

Während David das Fähnchen befestigt, beobachtet Tobias ihn und fährt sich mit einem Finger über die Lippen. David hat gut geschmeckt, nach Vanille und Kaffee, süß und verlockend. Aber er steht doch nicht auf Männer. Das hat er doch noch nie. Ja, er hat schon mal den einen oder anderen Männerkörper bewundert, aber deshalb ist er noch lange nicht schwul.

„Mein letztes Hemd würde ich geben, für deine Gedanken.“

Erschrocken zuckt Tobias zusammen und David meint lachend: „Du hast eben so verträumt gelächelt, da kannst du nur an etwas Großartiges gedacht haben.“ Verlegen wendet Tobias sich ab, denn er spürt, wie die Röte ihm ins Gesicht steigt.

„Na komm mein Süßer“, David legt ihn den Arm um die Schultern. „Wir müssen uns jetzt erstmal aufwärmen und Frau Holle wird auch gleich vorbei sein.“

Gemeinsam gehen sie zur Lichtung zurück. Dort werden sie bereits erwartet. Anja und die Kinder stehen an einer Bude und jeder hat einen Becher in der Hand. „Da seit ihr ja“, werden sie von Anja begrüßt. „Wir haben uns gerade heiße Schokolade geholt. Wollt ihr auch welche?“

Sofort schüttelt Tobias den Kopf. „Ich würde lieber einen Kaffee trinken.“

„Wäre mir auch lieber. Da drüben gibt es welchen.“ David deutet auf eine Bude auf der anderen Seite.

„Du hast dir eh schon Tobias gekrallt, dann geh auch mit ihm rüber“, sagt Anja murrend. „Wir trinken aus, dann kommen wir nach.“

Verlegen geht Tobias neben David her. Sie tun ja alle so, als wären David und er ein Paar, das stimmt doch gar nicht.

Gerade haben sie ihren Kaffee bekommen, da kommen die Kinder und Anja auf sie zu. Sofort erzählen die Kinder begeistert von Frau Holle. Bei jedem Wort hört Tobias, wie sehr es ihnen gefallen hat.

Aufgeregt hüpft Sofie herum. „Dürfen wir jetzt mit der Bimmelbahn fahren?“

„Oh ja, bitte“, schließen sich die anderen an, nur Marc meint mit erhabenem Gesicht: „Ich nicht, dafür bin ich schon zu groß.“

„Du bist nur zwei Jahre älter als wir“, fährt Tamara ihn an, „aber wenn du nicht willst, dein Pech.“

„Ja fahrt ihr ruhig mit der Bahn, dann können wir in Ruhe unseren Kaffee trinken.“ Mit einer lässigen Handbewegung scheucht David die Kinder zur Bahn.

„Habt ihr einen schönen Baum gefunden?“, will Anja wissen.

„Oh ja, Tobias hat den perfekten Baum gefunden.“

„Gut, dann sagt ich Papa Bescheid, damit sie ihn abholen.“ Gleich darauf nimmt sie ihr Handy und geht etwas zur Seite.

Verträumt folgt Tobias Blick den Weg der Bimmelbahn. Munter kutschiert sie die Kinder durch den Märchenwald. Immer wieder werden Wortfetzen und Kinderlachen vom Wind zu ihnen herübergeweht. Und ganz leise im Hintergrund ist Weihnachtsmusik zu hören.

David hat ihn schon eine Weile beobachte und fragt: „Gefällt es dir hier?“

„Ja sehr“, gibt Tobias sofort zu. „Es ist so schön ruhig und nicht so stressig.“ Lächeln schaut er zu David.

„Tobias! Was machst du denn hier?“, ertönt da eine laute Stimme und gleich darauf steht Holger neben ihm. Tobias gibt ein resigniertes Schniefen von sich und lässt den Kopf hängen. „Ich hab versucht dich zu erreichen, warum rufst du nicht zurück?“, wettert Holger gleich weiter. „Und wieso schaltest du überhaupt dein Handy aus?“

„Weil ich nicht gestört werden will“, gibt Tobias leise von sich und sieht entschuldigend zu David rüber.

„Seit wann störe ich dich?“, fährt Holger ihn gleich an. „Und ein anderer ruft dich doch sowieso nicht an.“

„Was ist den so wichtig, dass du unbedingt mit mir sprechen musst.“

„Wir sind morgen in der Stadt und kommen zum Kaffee zu dir. Ich wollte dir auch noch sagen, dass du auch den ersten Feiertag bei uns bleibst und ...“

„Nein“, ertönt ein zartes, aber energisches Stimmchen. „Tobias kommt doch zu uns.“ Ängstlich klammert Sofie sich an Tobias und schaut ihn mit großen Augen an.

„Natürlich komme ich zu euch“, besänftigt Tobias die Kleine.

„Was soll das denn jetzt werden?“, schnauzt Holger ihn an. „Weihnachten verbringt man im Kreis seiner Familie. Und weil wir schon einmal da bei sind, los komm, hilf mir den Baum nach Hause zubringen.“

„Nein!“, fährt Tobias ihn harsch an. „Ich bin mit Freunden hier.“

„Dann eben nicht“, mault Holger ihn an, lässt seinen Blick kurz über Anja und David schweifen, dreht sich um und geht davon.

Das ist wieder einmal typisch Holger, schnauzt mich von meinen Freunden an und lässt mich dumm dastehen, geht es Tobias durch den Kopf. Am liebsten würde er jetzt in ein Mausloch kriechen.

„Was hat der denn für ein Problem? Und wer war das überhaupt?“, fragt Anja, während sie kopfschüttelnd sein Verschwinden verfolgt.

„Mein Bruder“, gesteht Tobias leise.

„Der springt ja mit dir um, als wärest du sein Eigentum.“ Anja gibt ein empörtes Schniefen von sich.

„Lass ihn doch“, mischt sich David ein, „aber jetzt ist wenigstens geklärt, dass du Weihnachten bei uns verbringst.“ David legt seinen Arm um Tobias und drückt ihn kurz. „Alles in Ordnung?“, fragt er ihn leise. „Ja“, murmelt Tobias genauso leise zurück.

„Da kommen Opa und Papa“, schreit Marc auf. Sofort ist der kleine Zwischenfall vergessen und die Neuankömmlinge werden freudig begrüßt.

Auch die beiden Männer behandeln Tobias, als würde er schon immer dazugehören. Und so fällen sie gemeinsam den Baum und verstauen ihn in dem Transporter, mit dem Davids Schwager und sein Vater gekommen sind.

„Wir machen uns gleich wieder los“, sagt Davids Vater. „Ich soll euch ausrichten, Punkt achtzehn Uhr gibt es Abendessen.“ Dabei sieht er auch Tobias an.

„Was gibt’s denn?“, fragt David neugierig.

„Keine Ahnung“, bedauernd zuckt Davids Vater mit den Schultern, „Aber Mama steht schon eine ganze Weile am Herd. Also seit pünktlich.“

„Ja, wir machen uns auch gleich los.“


Kurz nach achtzehn Uhr stellt David sein Auto vor dem großen Haus mit den vielen bunten Lichtern ab. Während die anderen sofort hinausspringen, bleibt Tobias noch sitzen. Doch da kommt David bereits ums Auto und öffnet die Beifahrertür. „Auf was wartest du noch, na komm schon“, fordert David ihn auf.

Tobias schüttelt verlegen den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich kann doch nicht einfach ...“

„Ssch“, sanft legt David ihm den Finger auf den Mund, „du kommst mit rein und isst mit uns, dann bring ich dich nach Hause.“ Tobias zögert noch einen Moment, dann nickt er ergeben und steigt aus. Sofort legt David ihm den Arm um die Schulter und dirigiert ihn den anderen hinter direkt ins Haus. Dort werden sie schon sehnsüchtig erwartet. „Na endlich! Los beeilt euch, wir wollen essen.“ Sanft drängt die ältere Frau sie weiter. „David, du nimmt Tobias und zeigst ihm, wo er sich frisch machen kann, aber trödelt nicht rum.“ Augenblicklich greift David seine Hand und zieht ihn einen Flur entlang. „Hier, ab rein mit dir, aber mach nicht so lange, du hast meine Mutter gehört.“


Anfangs ist Tobias noch etwas eingeschüchtert und zurückhaltend. Aber alle behandeln ihn wie ein Familienmitglied und so dauert es nicht lange und sie reden und lachen gemeinsam.

An diesem Abend erfährt Tobias sehr viel über die Familie, so auch, dass Kai und Sofie die Kinder von Davids älterem Bruder Andreas sind und seine Frau Katja im Einkaufszentrum arbeitet. Zu viert bewohnen sie die oberen beiden Etagen des Hauses. Die komplette untere Etage bewohnen Davids Eltern, dort sind auch zwei Gästezimmer.

Die Zwilling Tamara und Amanda und ihr Bruder Marc sind die Kinder seiner älteren Schwester Monika und ihrem Mann Torsten. Sie wohnen ein Stück entfernt, sind aber öfters übers Wochenende zu besucht. Anja hat eine kleine Wohnung nicht weit von hier und David wohnt am Stadtrand. Dann gibt es noch die jüngste Schwester, die im Ausland studiert, aber Weihnachten da sein wird.

In der ganzen Familie herrscht ein inniger Umgang, auch wenn es manchmal zu kleinen Reibereien kommt. Doch sie werden nie wirklich böse, oder schreien sich an. Untereinander besteht ein enger Zusammenhalt. Bereits als Kind hat Tobias von so etwas geträumt. Seit er denken kann, hat er alles getan, damit Holger ihm mag, doch stattdessen kommandiert er ihn nur rum. Sein Vater war genauso. Für ihn war er nur der kleine Schwächling, der nichts hinbekommt und deshalb in einem Büro sitzt. Nur seine Mutter ist immer für ihn da.

Bei Davids Familie ist es anders. Da wird jeder akzeptiert, egal was er beruflich macht. Tobias fühlt sich sehr wohl bei ihnen und war schon lange nicht mehr so ausgelassen.

Viel später wie beabsichtigt fährt David ihn nach Hause. Als David an der Rückseite des Einkaufszentrums vorbeifährt, sagt Tobias: „Du kannst mich da vorne absetzen.“

„Aber dann musst du doch eine ganze Runde ums Karree laufen.“

„Ich kann hier hinten in die Tiefgarage gehen und brauch dann nur noch die Treppe rauf.“

David fährt an die Seite und hält, langsam dreht er sich zu Tobias, der sich bereits abgeschnallt hat. „Hat es dir heute gefallen?“, fragt er und Tobias vernimmt einen etwas verunsicherten Ton in Davids sonst so selbstsicheren Stimme. „Ja“, antwortet Tobias daher schnell, „sehr gut sogar. Deine Familie ist verdammt nett.“

Ein Lächeln zieht über Davids Gesicht und er atmet erleichtert auf. „Sehen wir uns Morgen?“

Bedauernd schüttelt Tobias den Kopf. „Ich habe keine Zeit. Mein Bruder ...“, Tobias lässt den Rest offen und zuckt nur mit den Schultern.

„Und was ist Vormittag? Wir könnten ja zusammen Mittagessen.“ So schnell gibt David nicht auf.

„Ich weiß nicht ...“, beginnt Tobias, dann sieht er David direkt an und nickt. „Okay, Mittagessen, aber viel Zeit habe ich nicht.“

„Super“, David beugt sich zu ihm rüber und haucht ihn einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Dicht an seinem Mund flüstert er: „Soll ich dich abholen oder treffen wir uns am Riesenrad?“

„Treffen“, bringt Tobias mühsam hervor. Noch einmal berühren David Lippen ganz sanft die seinen, dann hört er David flüstern: „Bis Morgen um elf am Riesenrad.“ Tobias bringt nur noch ein Brummen hervor, was David ein Schmunzeln entlockt und sich noch etwas weiter rüber beugen lässt. „Soll ich dich noch in deine Wohnung bringen?“ Erst ganz langsam, dann hastig schüttelt er den Kopf. „Nein, nein“, bringt Tobias stotternd hervor, dann räuspert er sich kurz und sagt mit, wie er hofft fester Stimme: „Bis Morgen!“, und steigt aus. „Bis Morgen mein Süßer“, hört er David noch sagen, dann schlägt er die Autotür zu und will nur noch weg.

In der Tiefgarage lehnt er sich erst einmal gegen die Wand. Was ist das? Er fühlt sich so komisch. Sein Herz schlägt wie wild und er bekommt kaum Luft. Er wird sich doch nichts weggeholt haben? Einen Moment bleibt er noch stehen, dann geht er langsam in seine Wohnung.


Zehn Minuten vor elf steht Tobias am Riesenrad und schaut sich suchend um. „Entschuldige, dass du warten musstest, aber ich habe einfach keinen Parkplatz gefunden.“ David kommt auf ihn zu geeilt und zieht ihn gleich in seine Arme. „Hallo erst mal“, und dann spürt er Davids Mund auf seinem. Nur ein kurzer Begrüßungskuss und Tobias Herz setzt zum Sprint an.

„Wo gehen wir hin?“, eine kurze Frage und ein intensiver Blick von David und Tobias Blut verlässt die oberen Regionen. „Ich weiß nicht“, stottert er.

„Was hältst du vom Griechen?“, wieder eine kurze Frage und ein intensiver Blick und Tobias nickt, dabei mag er doch gar nicht griechisch. „Oder vielleicht zum Italiener“, fragt David mit leiser Stimme, während sein Blick weiterhin leidenschaftlich auf Tobias ruht. Wieder nickt Tobias. „Und was hältst du vom Chinesen?“ Davids Stimme nimmt einem dunkleren Ton an und Tobias muss schlucken.

„Süßer, wenn du mich weiter so anschaust, schnapp ich dich und wir verschwinden in deine Wohnung.“

Verständnislos sieht Tobias ihn an. Er hat zwar gehört, dass David etwas gesagt hat, aber sein Gehirn arbeitet nicht mehr, er kann die Worte nicht zusammensetzen, versteht deren Sinn nicht. Er kann nur noch auf Davids Lippen starren, diese wundervollen weichen Lippen, die so herrlich nach Vanille und Kaffee schmecken.

Bei Tobias verträumten Blick kann David nicht anders und verschließt Tobias Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss. Tobias antwortet mit einem leisen Stöhnen. Doch als David versucht seine Zunge zwischen Tobias Lippen zu schieben, schreckt Tobias auf und bringt etwas Abstand zwischen ihnen. Tobias Blick ist fest auf David gerichtet und er sieht deutlich die Enttäuschung und gleich darauf ein breites Grinsen als David fragt: „Können wir jetzt essen gehen?“

„Ja“, kommt es leise und etwas verlegen über Tobias Lippen.

„Dann musst du nur noch sagen, wo du hin möchtest“, fordert David ihn auf.

„Italiener“, bringt Tobias unsicher heraus.

„Ist das eine Frage oder möchtest du gern zu Italiener?“

„Ich würde gern zum Italiener gehen.“ Mit einem verlegenen Lächeln sieht er David an.

„Na siehst du, geht doch mein Süßer. Dann auf zum Italiener.“ Lachend nimmt er Tobias Hand und gemeinsam gehen sie los.


Während des Essens unterhalten sie sich über Gott und die Welt, bis das Thema Familie aufkommt. „Wann kommt dein Bruder zu dir?“, fragt David nach.

„Keine Ahnung.“

„Ihr habt kein besonders gutes Verhältnis“, stellt David sachlich fest.

„Oh nein, das haben wir wirklich nicht, aber ich will dich damit nicht langweilen.“

„Damit langweilst du mich doch nicht“, will David ihn zum Reden bringen und hat Erfolg.

Tobias erzählt nur wenig, aber zumindest erfährt David, dass Holger sein einziger Bruder ist und das seine Mutter, die er sehr liebt, seit dem tot seines Vaters bei Holger wohnt. Außerdem erfährt er noch, dass Holger verheiratet ist und zwei Kinder hat und das er den Holzhandel vom Vater übernommen hat. Aber alles, was auf zwischenmenschliche Beziehungen hinausläuft, lässt Tobias aus. Er erzählt nicht, ob er als Kind mit Holger gespielt hat oder ob Holger, ihn früher immer beschützt hat, wie sein Bruder es tat. Davon erzählt er nichts und David will ihn auch nicht drängen, denn er hat das Gefühl, dass irgendetwas zwischen ihnen vorgefallen ist. Denn sonst wüsste er nicht, warum Tobias vor sieben Jahren seine Mutter das letzte Mal besucht hat.

„Na komm, las uns noch eine Runde über den Weihnachtsmarkt gehen und dann bring ich dich nach Hause.

Während sie kurze Zeit später über den Markt schlendern, stellt Tobias fest, dass der Weihnachtsmarkt mit David an seiner Seite gar nicht so schlecht ist. Gemütlich schlendert sie Hand in Hand über den Platz. Tobias hat nicht einmal mitbekommen, wann David seine Hand nahm, aber es fühlt sich irgendwie gut an.


„He Tobias!“, erschallt eine laute Stimme und dann wird er auch schon am Arm festgehalten. „Ich habe dir doch gesagt, dass wir heute zu dir kommen. Warum treibst du dich dann hier rum? Sollen wir vor deiner Türe etwa auf dich warten?“ Wird Tobias auch gleich von Holger angeschnauzt.

„Papa, wir wollten doch jetzt zu dem Karussell dort hinten“, quengelt Jessica. Tobias sieht sie musternd an. Das Mädchen ist ganz schön groß geworden, sie muss jetzt ungefähr zehn sein, genauso wie Tamara und Amanda, überlegt Tobias.

„Willst du nicht mal deine Nichte begrüßen“, fährt ihn Holger schon wieder an. Doch Tobias kommt gar nicht dazu, denn Jessica greift ihren Vater am Arm und will ihn wegziehen. „Papa komm“, schreit sie dabei. Genervt macht Holger sich los. „Wo sind Eric und deine Mutter?“, fragt er ungehalten.

„Die sind schon am Karussell“, faucht sie genau so ungehalten zurück.

„Dann geht zu ihnen und lass mich in Ruhe.“ Holger greift in seine Tasche und drückt dem Mädchen etwas Geld in die Hand. Sobald sie das Geld hat, stürmt sie ohne ein Wort davon.

Wortlos starrt Tobias ihr nach. Nicht ein Wort hat sie an ihn gerichtet, nicht einmal angesehen hat sie ihn. Er verfolgt ihren Weg mit den Augen und sieht, wie sie ihrem Bruder das Geld vor die Nase hält. Als er danach greifen will, stößt sie ihn kräftig weg und steckt es ein. Dann sagt sie irgendetwas und zeigt zu ihnen rüber, gleich darauf stürmt der Junge los.

„Hörst du mir überhaupt zu, wenn ich mit dir rede?“, fährt ihn Holger gerade mal wieder an. Im gleichen Augenblick hören sie: „Papa, Papa ich will auch ...“

„Sei ruhig“, fährt Holger zu seinem Sohn herum. „Könnt ihr nicht mal ein paar Minuten ruhig sein. Ich unterhalte mich gerade mit eurem Onkel Tobias.“

„Ja das hat uns Jessica schon gesagt“, vernimmt Tobias seine Schwägerin, die inzwischen mit Jessica zu ihnen gekommen ist.

Das hat ihm gerade noch gefehlt, am liebsten würde Tobias weglaufen. Da bemerkt er einen leichten Druck an seiner Hand und schaut zu David, der immer noch seine Hand hält und sie jetzt aufmunternd drückt.

„Na was sehe ich denn da“, sagt Linda und wendet sich gleich an Holger. „Ich hab’s dir damals schon gesagt, dein kleiner Bruder ist schwul.“ Mit dem Finger zeigt sie auf Tobias Hand. „Oh wie niedlich, der Kleine hält Händchen.“ Ein spöttisches Grinsen zieht über ihr Gesicht und Tobias macht sich verlegen los.

David sieht verwirrt von einem zum anderen. Während Linda und Holger sich über Tobias lustig machen, gehen die beiden Kinder wie die Kampfhähne aufeinander los. So etwas hat er noch nie erlebt. Sein Blick wandert zu Tobias, der an seiner Seite immer kleiner wird. Kein Wunder, so wie diese Linda auf ihn rumhackt.

Beschützend legt David seinen Arm um Tobias, der nur steif dasteht.

„Und du wolltest es Yvonne und mir nicht glauben“, sagt Linda gerade zu Holger. „Dabei hat sie es doch gründlich ausgetestet. Nur einmal waren sie im Bett und es war eine Katastrophe“, Linda bricht in schallendes Gelächter aus. „Der Trottel hat noch nicht einmal bemerkt, dass sie schon lange mit Martin zusammen war und ihn nur ausgenutzt hat.“

Tobias reißt erschrocken die Augen auf und starrt erst Linda und dann seinen Bruder an. „Ja Kleiner“, meint Holger grinsend, „wie kann man aber auch nur so blöd sein und ein Haufen Geld für eine Frau ausgeben, die man nur alle zwei Wochen sieht und die nicht mal mit dir ins Bett will. Du hast aber nicht wirklich geglaubt, dass Yvonne auf dich steht, oder?“

„Doch, hat er“, stößt Linda ihn an, „Yvonne hat mir von seiner Liebeserklärung erzählt.“ Einen Moment starrt Holger ihn an, dann prustet er los vor Lachen: „Nee, so dämlich kannst du doch nicht sein.“

„Hör einfach nicht hin und lass uns gehen.“ David will Tobias in eine andere Richtung schieben, aber Tobias schlägt seinen Arm weg. „Lass mich“, faucht er ihn an, dann fährt er zu Linda herum. „Du und Yvonne, ihr habt euch die ganze Zeit über mich lustig gemacht!?“ Sein Blick geht zu Holger. „Und du hast da mitgemacht!? Von Linda ist ja nichts anderes zu erwarten, sie konnte mich ja noch nie leiden, aber von dir. Du bist mein Bruder!“, schreit Tobias ihn an. Ihm stehen die Tränen in den Augen und Holger lacht nur und meint: „Fang jetzt bloß nicht an zu heulen.“

David nimmt Tobias am Arm und will ihn wegziehen. „Komm lass uns gehen. Vergiss die ganze Sache, es ist doch schon lange her.“

„Nein“, schreit Tobias auf und reißt sich von David los. „Verschwindet alle, euch interessieren meine Gefühle doch überhaupt nicht. Ich bin euch doch vollkommen egal, Hauptsache ihr habt euren Spaß. Ihr sucht doch nur einen Dummen, auf den ihr rumtrampeln könnt. Ich will keinen von euch jemals wiedersehen.“ Tobias dreht sich um und stürmt davon.





Noch eine ..., ach lasst mich doch in Ruhe


Völlig gerädert betritt Tobias am Montagmorgen sein Büro. Missmutig lässt er sich auf seinen Stuhl fallen. Er hat kaum geschlafen und seine Augen sind vollkommen verquollen. Gestern war der schlimmste Tag seines Lebens. Linda, Yvonne und Holger, alle haben ihn verarscht. Haben über ihn gelacht. Seine Gefühle sind ihnen scheißegal. Sie wollen alle nur ihren Spaß und das auf seine Kosten, aber damit ist jetzt Schluss.

Nach dem Streit gestern ist er über zwei Stunden ziellos durch die Gegend gelaufen. Beim ersten Klingeln seines Handys hat er es ausgeschaltet. Tobias hat keine Lust auf ein Gespräch, will nichts mehr von ihnen hören.

Entschlossen greift er die erste Akte und stürzt sich in die Arbeit. Als einige Zeit später Max erscheint, deckt er ihn mit Arbeit ein. Kurz und bündig erklärt er ihm, was er tun soll und stürzt sich dann wieder in seine Arbeit.

Im Laufe des Vormittags lässt Max drei Mal einen Ordner fallen und vier Mal bekommt Tobias die falschen Unterlagen, doch nie sagt er ein Wort. Jedes Mal steht er wortlos auf, legt die falschen Unterlagen ab und sucht die richtigen raus. Selbst als ein lautes Scheppern auf dem Flur erschallt reagiert er nicht.

Den ganzen Tag spricht er nur das Nötigste und arbeitet wie ein besessener, nicht eine einzige Pause legt er ein. Kurz nach achtzehn Uhr macht er Feierabend.

Auf dem Weg nach unten schaltet er sein Handy ein. Vier Anrufe in Abwesenheit und fünfzehn SMS und alles von David.

Im Einkaufszentrum ist die Hölle los, von allen Seiten wird gedrängt und geschoben. Es dauert ewig, bis Tobias hindurch ist. Als er endlich ins Freie tritt, wird er von lauter Musik und bunten Lichtern überschüttelt und das bringt ihn an seine Grenzen. So schnell wie möglich will er in seine Wohnung, weg von all dem Lärm und dem Gedränge. Ganz untypisch für ihn rempelt er die Leute an und drängelt an ihnen vorbei.

Hastig öffnet er die Haustür und stürmt die Treppe hinauf. Doch dann stoppt er abrupt. Vor seiner Tür sitzt David und wartet auf ihn. Sobald David ihn sieht, springt er auf. „Tobias! Endlich ...“, beginnt er, doch Tobias unterbricht ihn barsch: „Was willst du hier?“

„Ich will mit dir reden, will wissen, warum du einfach abgehauen bist? Du hast mich einfach stehenlassen.“

Langsam steigt Tobias die letzten Stufen hinauf. „Du bist wie die anderen, hast mich auch nur rumkommandiert, deinen Spaß mit mir getrieben. Im Grunde bin ich dir doch egal, meine Gefühle sind dir egal.“

„Was!?“, unterbricht ihn David. „Wie kommst du darauf?“

„Weil ich dir gesagt habe, dass ich Weihnachten hasse, aber du hast mich trotzdem über den Weihnachtsmarkt gezerrt“, faucht Tobias mit zitternder Stimme. Hastig schließt er die Wohnungstür auf und tritt hinein. „Lass mich gefälligst in Ruhe, ich will dich nie wiedersehen.“ Mit einem lauten Knall schlägt er die Tür zu.

Benommen steht David da, so richtig versteht er nicht, was soeben passiert ist. Sofort klopft er gegen die Tür, aber nichts rührt sich. Auch auf etwas energischeres Klopfen reagiert Tobias nicht. David nimmt sein Handy und wählt. Ein Mal klingelt es, ein zweites Mal und dann wird er weggedrückt. Dann schreibt er ihm eine SMS, setzt sich auf die Treppe und wartet.


Während er wartet wandern seine Gedanken zurück. Linda und Holger haben Tobias voll verarscht und sich dann auch noch über ihn lustig gemacht. David versteht ja, dass er da abgehauen ist, aber er versteht nicht, warum Tobias jetzt so sauer auf ihn ist. Er hat sich nie über ihn lustig gemacht und ihn erst recht nicht verarscht. David muss zugeben, dass er sich in Tobias verliebt hat, ganz gewaltig sogar.

Gestern als Tobias weggerannt ist und nicht auf Davids Rufen gehört hat, meinte Holger: „Lass ihn ruhig, der kommt wieder. Wenn du klug bist, lässt du zwei, drei Tage nichts von dir hören, dann kommt er angekrochen“, und dabei hat er gehässig gelacht. David musste sich zusammenreißen, um ihn nicht gleich eine reinzuhauen, stattdessen ist er einen Schritt auf ihn zu und sagte ihm: „Wenn ihr noch einmal so mit oder über Tobias sprecht, wisch ich mit dir den Boden auf.“ Seine blöde Tussi von Frau meinte doch glatt zu Holger, dass er sich das von so einem nicht bieten lassen kann. Zum Glück ist Holger etwas schlauer und hat gemerkt, dass er es ernst meint. Und die beiden Kinder sind wie Furien, kreischen laut rum, stoßen und hauen sich in einer Tour. Gedankenversunken schaut David auf sein Handy - immer noch keine Antwort. Noch einmal schickt er eine SMS und bittet Tobias um ein Gespräch.

Als sich nach einer weiteren halben Stunde immer noch nichts rührt erhebt er sich und geht.


Während David vor seiner Tür saß, hat Tobias in seinem Bett gelegen und sich die Augen aus dem Kopf geheult. Und er weiß überhaupt nicht, was mit ihm los ist. Seine Brust tut ihm weh, er kann kaum atmen und in seinem Bauch ist ein komisches Ziehen. So ging es ihm noch nie.


Der Dienstag läuft ähnlich ab. Im Büro ist Tobias sehr ruhig und lässt Max einfach machen. Vor seiner Wohnung wartet wieder David. Tobias ignoriert ihn einfach und geht sofort in seine Wohnung, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln. Die zahlreichen SMS von David löscht Tobias sofort und die Anrufe drückt er weg.


Im Büro verhält sich Tobias auch am Mittwoch sehr ruhig und zieht sich vollkommen zurück. Max bekommt seine Aufgaben von Fred, sitzt aber weiterhin in Tobias‘ Büro. Ständig lässt Max etwas fallen oder kippt seinen Stuhl um. Zwei Mal hat er Tobias einen Kaffee gebracht und die Hälfte davon verschüttet, doch Tobias reagiert nicht darauf. Er unterbricht kurz seine Arbeit beseitigt den Schaden und arbeitet dann sofort weiter.

Während des Tages hat Tobias stets das Handy ausgeschaltet, erst wenn er sein Büro verlässt, schaltet er es wieder ein. So macht er es auch am Mittwoch. Die Tage zuvor waren immer unzählige Nachrichten von David drauf, aber am Mittwoch keine Einzige. Auch vor seiner Wohnungstür wartet kein David. Den ganzen Abend liegt das Handy neben Tobias, aber keine SMS und auch kein Anruf kommt.

In der Nacht wälzt sich Tobias nur hin und her. Wieso meldet sich David nicht?


Am Donnerstag ist Tobias nervös und unausgeglichen und kann sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren und bei jedem Poltern von Max schreckt er auf. Einige Male ermahnt er Max sogar, vorsichtiger zu sein.

Da er sich nicht konzentrieren kann, hat es auch keinen Sinn länger zu arbeiten und so macht Tobias pünktlich Feierabend. Sobald er sein Büro verlassen hat, fischt er sein Handy aus der Tasche. Kein Anruf, keine Nachricht, nichts.

Auf dem Heimweg hält er Ausschau nach David oder Anja und die Kinder, doch keiner ist zu sehen. Auch vor seiner Wohnung ist kein David.

Es folgt noch eine schlaflose Nacht, in der er sich nur hin und her wälzt. Warum meldet sich David nicht mehr? Vielleicht hatte er einen Unfall? Die ganze Nacht liegt sein Handy neben ihm auf dem Kopfkissen und rührt sich nicht.

Am Morgen schleicht Tobias völlig fertig zur Arbeit und quält sich durch den Tag.

Während des Vormittags rennt Max mit einem Kollegen im Flur zusammen und zahlreiche Unterlagen verteilen sich wieder einmal über dem Boden. Gegen Mittag soll Max ein paar Ordner in den Schrank räumen, dabei schmeißt er Tobias halbvolle Kaffeetasse um. Der Kaffee verteilt sich auf die Unterlagen, die Tobias gerade fertig hat. Tobias starrt auf die Unterlagen, langsam hebt er den Kopf und sieht Max direkt an. „Jetzt reicht‘s“, sagt er mit bedrohlich leiser Stimme. „Wenn du dich ein bisschen konzentrieren, nicht so hetzen und vorher nachdenken würdest, würdest du auch nur halb so viel Schaden anrichten. Jetzt reiß dich doch endlich mal zusammen.“ Nur beim letzten Satz wird Tobias laut und Max zuckt erschrocken zusammen. Doch darauf nimmt Tobias keine Rücksicht. Er erhebt sich und sagt: „Ich geht jetzt und hol mir einen neuen Kaffee, wenn ich wiederkomme, ist es hier sauber. Haben wir uns verstanden.“ Sein Blick ist fest auf Max gerichtet und dieser nickt nur.

Im Flur läuft Tobias seinem Chef über den Weg. „Oh man Tobias, siehst du fertig aus. Na zum Glück hast du ja jetzt Urlaub.“

„Urlaub!?“, stottert Tobias, er braucht doch keinen Urlaub.

„Ich rede bereits seit August, dass du deinen Urlaub wegnehmen sollst, das hast du nicht getan und jetzt musst du ihn nehmen. Heute ist dein letzter Tag und dann will ich dich erst im neuen Jahr wieder sehen.“

„Aber ich brauche keinen Urlaub.“

„Keine Diskussion“, wehrt sein Chef ab und lässt Tobias stehen.

Missmutig geht Tobias in sein Büro zurück, was soll er bloß machen. Wenn er den ganzen Tag zu Hause sitzt, wird er nur auf einen Anruf von David warten.

„Ich bin gleich fertig“, stottert Max und Tobias bemerkt, dass Max wirklich ordentlich aufgeräumt hat und ganz ohne neuen Schaden anzurichten.

„Geht doch“, sagt Tobias und klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Auf Max‘ Gesicht erscheint ein verlegenes Lächeln.


Sobald Tobias das Büro verlassen hat, schaut er hoffnungsvoll auf sein Handy und lässt es gleich wieder resigniert sinken. Kein Anruf, keine Nachricht, nichts. Rasch eilt Tobias nach Hause. Auch kein David da.

In seiner Wohnung dreht er seine übliche Runde, doch am Fenster im Wohnzimmer bleibt er stehen. David wollte doch hier mit ihm Glühwein trinken, wieso meldet er sich nicht mehr? Tobias fühlt sich hin und her gerissen. Eigentlich sollte er noch sauer auf ihn sein, aber das ist er nicht. David fehlt ihm nur ganz schrecklich. Tobias tritt dichter ans Fenster und schaut hinaus. Langsam lässt er seinen Blick über den Weihnachtsmarkt gleiten.

Da! Da drüben am Imbissstand, das ist doch David und er schaut zu ihm hoch. Tobias hebt die Hand, um ihm zu winken, aber da hat er sich bereits abgewendet und geht davon.

Tobias will das Fenster aufreißen und ihn rufen, doch da klingelt sein Handy. Blitzschnell stürzt er zu seinem Handy. In der Hoffnung, dass es David ist, nimmt er das Gespräch an.

„Na Kleiner, hast du dich wieder beruhigt?“, begrüßt ihn sein Bruder.

„Was willst du?“, fährt Tobias ihn an.

„Mal ganz ruhig Kleiner. Von uns hat keiner was dagegen, dass du schwul bist, nur schaffe dir diesen gewalttätigen Typen vom Hals.“

„Was?“, schreit Tobias aufgebracht ins Handy.

„Na der Typ hat dir doch eine geknallt oder woher hast du sonst den blauen Fleck?“

„Damit hat David überhaupt nichts zu tun. Also lass ihn aus dem Spiel und sag endlich, was du willst.“

„Heiligabend und den ersten Feiertag bist du bei uns und ...“

„Nein“, schreit Tobias dazwischen, „wie oft soll ich es dir noch sagen. Ich verbringe Weihnachten mit Freunden ...“

„Du wolltest sagen“, unterbricht ihn Holger, „mit deinem schwulen Freund.“

„Und wenn schon, das geht dich rein gar nichts an. Gibt es noch etwas, dann fast dich kurz, ich hab noch was vor.“

„Was hast du denn schon vor?“, motzt ihn Holger an.

„Auch das geht dich nichts an.“ Tobias ist wütend und das ist auch in seiner Stimme zu hören, aber Holger scheint es nicht zu interessieren.

„Ach, willst du dich noch mit deinem Liebsten treffen und händchenhaltend über den Weihnachtsmarkt gehen?“

‚Klick‘ macht es und Tobias hat ihn weggedrückt. Als es kurz darauf erneut klingelt und Tobias die Nummer seines Bruders erkennt, drückt er den Anruf sofort weg und schaltet sein Handy aus.


Übers Wochenende verkriecht sich Tobias in seiner Wohnung. Jede Ecke und jeden Gegenstand hat er geputzt und gewienert, nur damit die Zeit vergeht. Trotzdem zog sich das Wochenende in die Länge und er war froh, als der Montag kam.

Wie immer geht Tobias am Montag ins Büro und beginnt zu arbeiten. Als Max etwas später erscheint, liegt schon einiges an Arbeit für ihn bereit.

Max wundert sich zwar über Tobias erscheinen, sagt aber nichts dazu, sondern setzt sich still auf seinen Platz.

Wie all die Tage zuvor will Max pünktlich um neun Uhr einen Kaffee für Tobias holen. Doch gerade, als er zur Tür raus will, wird die Tür aufgestoßen. „Tobias, was habe ich dir gesagt?“

Genervt stöhnt Tobias auf. „Ich brauche keinen Urlaub.“

„Du musst deinen Urlaub wegnehmen, sonst verfällt er.“

„Soll er doch, ich brauche ihn nicht.“

„Du hast fünf Minuten um deine Sachen zu nehmen und zu verschwinden. Wenn du dann noch hier bist, nehme ich dir den Schlüssel ab und setzt dich vor die Tür.“

Bittend sieht Tobias seinen Chef an. „Warum kann ich denn nicht hierbleiben? Ich muss doch Max betreuen.“

„Das übernehme ich persönlich.“ Tobias‘ Chef beugt sich zu ihm. „Du kannst so nicht weiter machen. Du siehst vollkommen fertig aus. Entspann dich, unternehme etwas mit Freunden oder fahr ein paar Tage weg.“

Resigniert nickt Tobias und greift seine Sachen.


Im Einkaufszentrum ist noch nicht viel los und so schlendert Tobias langsam vor sich hin und schaut sich auch ab und zu die Schaufenster an.

Auch der Weihnachtsmarkt ist noch still, die meisten Stände sind noch geschlossen. Niedergeschlagen schleicht Tobias in seine Wohnung. Er weiß nichts mit sich anzufangen und so macht er sich erst einmal einen Kaffee.

Mit seiner Tasse Kaffee steht er am Küchenfenster und schaut hinaus. Eine ganze Weile betrachtet er den großen Weihnachtsbaum, dabei kommen die Erinnerungen vom Ausflug zur Baumschule wieder auf. Der kleine Weihnachtsmarkt mit dem Märchenwald und der Bimmelbahn hat ihm gefallen. Er hat viel mit Anja, David und den Kindern gelacht. Er war glücklich, bis sein Bruder alles kaputtgemacht hat.

Plötzlich fällt ihm seine alte Eisenbahn ein. Rasch eilt er in das Zimmer, das einmal sein Gästezimmer werden soll, doch im Moment benutzt er es als Abstellraum. In der Tür bleibt er stehen und schaut sich um.

In der Mitte ist ausreichend Platz, da könnte er seine Eisenbahn aufbauen. Schnell geht er zum Schrank und holt die Kisten und Kartons heraus. So weit ist noch alles da, nur eine Platte fehlt. Einen Moment überlegt er, dann stürzt er in sein Arbeitszimmer. Dort steht ein großer Tisch, der ist bestens dafür geeignet.

Nachdem er den Tisch unter Aufwendung all seiner Kräfte von einem Raum in den anderen bugsiert hat, beginnt er gleich mit der Planung.

Nach zwei Stunden ist der Schaltplan fertig und auf der Tischplatte ist aufgezeichnet, wo sie Schienen verlaufen und der Rest hin soll. Jetzt kann der Aufbau beginnen. Zwei Züge will Tobias fahren lassen. Eine große und eine kleine Runde, die sich an einer Stelle kreuzen.

Tobias zieht sich die Kisten heran und sucht die passenden Schienen heraus. Dabei findet er seine alten Schnitzereien. Es ist schon sehr lange her, dass er sein Schnitzmesser in der Hand hielt.

Ein Teil nach dem anderen nimmt er aus dem Karton. Das sind die Märchenfiguren, die er als zehnjähriger geschnitzt hat. Ein Wolf und ein Mädchen mit einem Korb in der Hand. Dann ein Brunnen, auf dem ein Frosch mit einer Krone sitzt. Ein Junge und ein Mädchen Hand in Hand und ein Hexenhaus kommen zum Vorschein.

Hastig greift er nach dem nächsten Karton und schaut, was er an Bäumen hat. Als er die vielen Nadelbäume sieht, steht sein Entschluss fest.

Wie besessen bastelt er an seinem Modell. Erst weit nach Mitternacht geht er zu Bett, nur um wenige Stunden später weiter zu machen. So geht es die nächsten Tage. Nur einmal verlässt er seine Wohnung, weil ihm die Tiefkühlpizzen und der Leim ausgegangen sind.

Pünktlich zum vierten Advent ist das Modell fertig. Tobias steht davor und betrachtet es.

Es fährt nur ein Zug und der dreht seine Runden durch den Märchenwald. So gut Tobias konnte hat er den kleinen Weihnachtsmarkt an der Baumschule nachgebaut. Die Bühne, auf der das Märchen aufgeführt wird, die Hexenhäuschen, die Märchenfiguren und der große Weihnachtsbaum, alles steht an seinem Platz. Tobias hat ein großes Tor, über dem Frau Holle ihre Betten ausschüttelt, geschnitzt. Durch dieses Tor beginnt die Fahrt der Bimmelbahn. Überall hat er Schnee verteilt und er hat nicht mit bunten Lichtern gespart.

Doch was soll er jetzt damit machen? Tobias setzt sich auf seinen Stuhl und beobachtet die Fahrt der kleinen Bimmelbahn. Es war dort so schön.

Weder Anja noch David haben sich noch einmal bei ihm gemeldet. Ob es ihnen gut geht? Er wirft einen Blick auf seine Uhr - gleich zwanzig Uhr. Was sie jetzt wohl alle machen?

Tobias nimmt sein Handy in die Hand und dreht es hin und her. Ob David ab und zu an ihn denkt? Ganz bestimmt nicht. Er legt das Handy wieder weg. Aber vielleicht ja doch, denn seine Gedanken waren selbst während seiner Bastelarbeit ständig bei David. Langsam greift er wieder nach dem Handy. Er sehnt sich so sehr nach David, wenigstens einmal seine Stimme hören.

Einen Moment braucht er noch, dann wählt er Davids Nummer.

Nach dem zweiten Klingeln ertönt ein freudiges: „Hallo mein Süßer“

„Ich wollt nur ... na ja ... ich“, stottert Tobias vor sich hin.

„Ganz ruhig mein Schatz, hol noch einmal tief Luft und dann sag mir, was du wolltest“, fordert David ihn ruhig auf.

„Ich wollte nur deine Stimme hören“, platzt es aus Tobias heraus.

„Hast du Sehnsucht nach mir? Soll ich vorbeikommen?“

„Nein! Ich hab lange nichts mehr von dir gehört und habe mir Sorgen gemacht, aber jetzt weiß ich ja, dass alles in Ordnung ist.“ Hastig beendet Tobias das Gespräch. Was ist ihm da nur in den Sinn gekommen? Wieso ruft er David an und stottert dann am Telefon so rum? Was ist nur mit ihm los? Das Klingeln vom Handy in seiner Hand schreckt ihn aus seinen Gedanken. „Ja“, meldet er sich zögernd.

„Du brauchst dich, um mich nicht zu sorgen, aber es ist schön, dass du an mich gedacht hast. Die letzten Tage waren ein bisschen stressig und ich hatte keine Zeit, deshalb habe ich mich nicht gemeldet. Aber wenn du willst, bin ich in ein paar Minuten bei dir und wir können reden.“

„Nein, nein, meine Woche war sehr anstrengend und ich bin völlig fertig, ich werde heute zeitig schlafen gehen.“

„Okay, aber Morgen habe ich keine Zeit. Da bin ich schon vollausgebucht.“

„Macht nichts“, tut Tobias es als belanglos ab.

„Ab Dienstag habe ich Zeit. Ruf mich einfach an“, fordert David ihn auf.

„Wenn ich reden will mach ich das, aber jetzt bin ich müde.“

„Dann schlaf gut und träum was Schönes“, raunt David ins Handy.

„Du auch“, flüstert Tobias und legt schnell auf. Oh Gott, was ist nur mit ihm los? In seinem ganzen Bauch kribbelt es und sein Herz flattert wie ein kleiner Vogel und es fühlt sich auch noch so verdammt gut an. Er könnte rumspringen und singen.


Am Montag wacht Tobias erst spät auf. Endlich hat er wieder einmal gut geschlafen. Nach einem kurzen Frühstück eilt er beschwingt durch die Wohnung und räumt auf. Da er ein recht ordentlicher Mensch ist, ist das schnell erledigt. Einen Moment steht er da und schaut sich um. Ja was könnte er jetzt noch machen? Sein Blick schweift zum Fenster und er sieht das Riesenrad vorbeihuschen. Vielleicht sollte er eine Weile auf den Weihnachtsmarkt gehen? Aber allein!? Nein, darauf hat er keine Lust. Resigniert geht er in sein Schlafzimmer und schaltet den Fernseher ein.

Eine Weile zappt er sich durch die Sender, doch bald schaltet er den Fernseher wieder aus und greift zum Handy.

Er würde gern Davids Stimme hören, aber David hat gesagt, dass er heute keine Zeit hat. Noch einmal dreht er das Handy in der Hand, dann legt er es weg.

Er fühlt sich so allein, so einsam. Er würde gern mit jemand reden. Erneut greift er nach seinem Handy. Anja! Geht es ihm durch den Kopf. Womöglich hat sie ja Zeit?

Rasch geht er seine Anrufliste durch. David, David und wieder David und noch einmal David, ah da ist eine unbekannte Nummer. Die Wahrscheinlichkeit, das sie Anja gehört ist hoch, denn außer Holger, seine Mutter, David und Anja hat ihn nie jemand angerufen.

Nach dem dritten Klingeln meldet sich Anja und sie freut sich riesig über seinen Anruf. Im Hintergrund hört Tobias lautes Lachen.

„Störe ich dich gerade, es tut mir ...“

„Ach quatsch, du störst doch nicht. Außerdem sind es nur meine Brüder und mein Papa.“

„Ist David auch da?“, fragt er vorsichtig nach.

„Ja, aber den kannst du jetzt nicht haben, der hat alle Hände voll.“ Im Hintergrund hört er David rufen: „Ist das Tobias? Lass mich mal mit ihm reden.“

„Nein, er hat mich angerufen und außerdem hast du keine Hand frei“, ist Anjas Antwort. Gleich darauf hört er wieder David: „Dann halt mir das verdammte Handy ans Ohr.“ Dann ertönt eine andere Männerstimme: „He, halte endlich mal ruhig. Wie soll ich das festbekommen, wenn du ständig rumzappelst?“ Dann hört er ein lautes Scheppern und gleich darauf ein Fluchen. Im nächsten Moment schreit Anja auf: „He das ist mein Handy!“ Und dann ist David daran: „Hallo mein Schatz. Es ist so schön deine Stimme zuhören.“

„He du Blödmann, du kannst doch nicht einfach das Brett loslassen, ich konnte gerade noch mein Bein wegziehen“, hört Tobias jemand schimpfen und David lacht nur.

„Es hört sich an, als ob du zu tun hast. Ich will dich nicht abhalten“, versucht Tobias David wieder an die Arbeit zuschicken, doch der mein nur: „Die kommen auch mal einen Moment ohne mich aus. Und was machst du heute noch? Musst du nicht arbeiten?“

„Nein, ich hab Urlaub“, antwortet Tobias, „aber was macht ihr gerade? Das hört sich nach schwerer Arbeit an.“ Denn soeben hat jemand laut geflucht und dann gab es einen Knall.

„Oh Mist, ich glaub, ich helfe ihnen lieber, sonst bringen die sich noch um. Ich ruf dich später an, bis dann mein Schatz.“ Tobias sagt noch: „Bis später“, dann ist David weg und Anja meldet sich wieder.

„Was ist denn bei euch los?“, fragt Tobias voller Neugier nach.

„Ach wir bauen eine Überraschung für unsere Mutter“, teilt Anja ihm mit und sofort ertönt lautes Geschrei: „Von wegen, du stehst nur da und gibst unnötige Kommentare von dir. Die ganze Arbeit machen doch wir.“

„Glaub denen bloß kein Wort, die ganze Zeit reiche ich ihnen das Material zu, sonst müssten sie ständig hoch und runter.“

„Ach ja! Dann reich mir mal das Brett hoch“, ertönt Davids Stimme aus dem Hintergrund.

„Hol es dir doch selbst, ich bin gerade beschäftigt und außerdem brauchst du das Brett noch gar nicht“, gibt Anja zurück, dann sagt sie zu Tobias: „Willst du nicht herkommen? Ich kann dich abholen.“ Sofort schreit David los: „Ja! Mach dich los und hol ihn.“ Und von den anderen kommt lautes Fluchen: „Kannst du nicht einmal stillstehen!?“ Dann ruft jemand: „Los Anja, hol Tobias her sonst ist mit David nichts mehr anzufangen.“

„Du hast sie gehört. Ich komm und hol dich“, teilt Anja ihm entschieden mit.

„Nein, du musst nicht extra in die Stadt kommen. Ich weiß doch, wo ihr wohnt.“

„Du wohnst direkt in der Stadt?“, fragt Anja erstaunt nach.

„Ja, hat David dir das nicht erzählt, er war doch schon mal in meiner Wohnung.“

„Was!?“, schreit Anja auf, dann schreit sie ihren Bruder an: „Wieso hast du nicht gesagt, dass du schon mal bei Tobias warst?“

„Weil es dich nichts angeht und jetzt labere ihn nicht zu, er soll herkommen.“ Tobias lauscht mit einem amüsierten Lächeln dem Geplänkel am anderen Ende. Es ist schön sie alle zu hören, auch wenn er sie nur undeutlich versteht. Mit einer Hand hält er sich das Handy ans Ohr und mit der anderen sucht er seine Sachen zusammen. „Du hast sie gehört, du musst also so schnell wie möglich herkommen, sonst bringen sie noch David um“, meldet sich Anja wieder zu Wort.

„Okay, ich mach mich gleich los, aber was macht ihr eigentlich?“

„Wir bauen eine Sauna, unsere Mama wünscht sich schon lange eine.“ Während Anja ihn das erzählt, greift Tobias eine ältere Jeans und ein Sweatshirt, stopft beides in einen Rucksack und obendrauf noch ein paar ältere Schuhe.

„Tobias, komm zu meiner Wohnung, dort hol ich dich ab.“


Dreißig Minuten später stoppt Tobias seinen BMW vor Anja, die ihn bereits vor dem Haus erwartet. „Wow, tolles Auto“, begrüßt sie ihn, dann zieht sie ihn in eine Umarmung und drückt ihm einen Kuss auf die Wange.

Ehe er sich versieht, greift sie seine Hand und zieht ihn mit sich. „Wir müssen hinten rum gehen, schließlich soll meine Mutter uns nicht erwischen.“ Sie führt ihn einen schmalen Weg entlang, dann ein Stück über eine Wiese und dann sieht Tobias den großen Swimmingpool und daneben einen Bungalow aus Holz. Davor steht eine Kreissäge und ringsherum liegen Bretter. Aus dem Bungalow dringen, lautes Fluchen und Geschrei: „David, wo willst du hin?“ Da erscheint David auch schon in der Tür. Sobald er Tobias erblickt, stürmt er auf ihn zu und reißt ihn in seine Arme. „Du hast mit so gefehlt, mein Schatz“, raunt er ihm leise zu, dann verschmelzen ihre Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss. Tobias kann nicht anders und schlingt seine Arme um Davids Nacken um ihn noch dichter zu ziehen. Er hat seinen David so schrecklich vermisst.


„Na endlich, man hat es mit David ja kaum noch ausgehalten. Schön dich zu sehen“, wird Tobias von Davids Vater begrüßt. Und Andreas klopft ihm erleichtert auf die Schulter. „Wurde wirklich höchste Zeit.“

„Macht euch wieder an die Arbeit, ich zeige Tobias erstmal alles“, sagt David und legt ihn den Arm um die Schultern. „Das könnte dir so passen, wir sollen arbeiten und du amüsierst dich. Wir machen Pause“, bestimmt Andreas.

„Wie ihr wollt“, sagt David und schiebt Tobias näher zum Bungalow. „Das war früher mal eine Gartenlaube, jetzt ist es unser Poolhaus“, erklärt David ihm mit einem breiten Grinsen.

„Ja, mit der Zeit haben wir es erweitert und ein bisschen aufgepeppt“, mischt sich Andreas ein. David schiebt ihn durch die Tür hinein und sagt: „Hier hat Andreas in seiner Jugend, so mache Party steigenlassen.“

„Ich werd‘ dir gleich“, lachend holt Andreas aus und gibt David einen kleinen Stups. „Du hast dich hier heimlich mit deinem Freund getroffen und dachtest wir merken nichts.“

David sieht grinsend zu Tobias und sagt: „Das ist schon Jahre her, da war ich noch ein Teenager.“ Lachend schaut Tobias sich um. Sie stehen in einem großen Raum, auf der einen Seite ist eine Bar eingebaut und gleich daneben ist eine Sitzecke. Im Moment ist alles mit Planen abgedeckt, da auf der anderen Seite fleißig gebaut wird.

„Den Raum haben wir bereits im Herbst angebaut, jetzt machen wir nur noch den Innenausbau“, erklärt ihm David. Neugierig wirft Tobias einen Blick durch die Öffnung. An zwei Wände sieht er noch das Dämmmaterial, die Decke und die beiden anderen Wände sind bereits verkleidet. „Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein. Die ganze Woche haben wir uns abgemüht, aber mit David war einfach nichts anzufangen“, beschwert sich Andreas.

„Jetzt wo du hier bist, wird sich das ja hoffentlich ändern.“ Freundschaftlich klopft ihm Davids Vater auf die Schulter.

„Ich kann euch helfen“, bietet Tobias an. Zweifelnd sieht David ihn an und meint: „Deine Sachen“, dabei deutet er auf Tobias elegante Kleidung.

„Ich habe andere mit“, winkt Tobias ab.

„Na dann komm“, damit greift Anja ihn am Arm, „ich zeig dir, wo du dich umziehen kannst“.

Kurze Zeit später steht Tobias in seiner alten engen Jeans und dem Sweatshirt da und schaut sich um, was er machen kann.

Rasch hat Tobias den Arbeitsablauf erfasst und findet auch gleich etwas, wobei er helfen kann. So geht die Arbeit zügig voran, nur hin und wieder ist von Andreas ein Schnaufen zu hören und gelegentlich ein: „David schau hier her.“

„Geschafft, die Wände sind fertig“, kommt David zu Tobias rüber.

„Wir fangen gleich mit den Bänken an“, kommt Andreas hinter ihm her.

David wendet sich zu Andreas und sagt: „Gönn uns wenigstens fünf Minuten Pause.“

„Sollst du haben, Brüderchen“, antwortet er mit einem breiten Grinsen, denn er hat gesehen, wie Anja und Tobias in die Sauna verschwunden sind, um sie von dem Abfall und groben Schmutz zu befreien.

Als David sich umwendet sieht er, wie Tobias sich bückt und Holzreste einsammelt. Bei diesem Anblick steigt ein tiefes Brummen in seiner Kehle auf. „Ganz ruhig David“, lachend klopft ihm Andreas auf die Schulter. „Heute müssen wir noch ein bisschen was schaffen. Und wir kommen gut voran.“

Eine Weile beobachtet er Tobias, dann geht David zu ihm rüber und zieht ihn in seine Arme. „Wenn du mir weiterhin so verführerisch deinen süßen kleinen Knackarsch entgegenstreckst, garantiere ich für nichts“, flüstert er ihm mit heiserer Stimme ins Ohr. Tobias versteift sich in seinen Armen und fragt verwirrt: „Was?“

„Du hast mich schon verstanden“, raunt David ihm zu, während er eine Hand auf Tobias Hintern legt und ihn fest an sich drückt.

„David, wir wollen weitermachen“, ruft Andreas.

David drückt ihm noch einen sanften Kuss auf die Lippen und flüstert: „Nachher“, dann geht er zu Andreas und lässt Tobias vollkommen benommen zurück.

„Tobias, komm“, Anja stupst ihn kurz an, „wir sind noch nicht fertig.“ Gleich darauf bückt sich Tobias erneut und David muss schlucken.

Immer wieder wandert Davids Blick zu Tobias, er kann einfach nicht anders, denn viel zu lange hat er ihn nicht gesehen.

Lachend stößt Andreas ihn in die Seite und deutet auf seinen Schritt. „Denk mal an ‚ne tote Katze, bei mir hilft das immer.“

„Blödmann“, lachend schlägt David seinem großen Bruder auf die Schulter. Doch die Idee ist gar nicht mal so schlecht, denn seine Hose spannt gewaltig. Angestrengt denkt David an seine tote Katze. Gerade als die tote Katze gesiegt hat, sieht er, wie Tobias sich bückt und dabei ein wenig Haut zeigt. „Oh scheiße“, murmelt David und spürt, wie das Zelt in seiner Hose wächst.

Tobias geht es nicht besser, denn ständig wandert sein Blick zu David. Fasziniert beobachtet er das Spiel seiner Muskeln, die sich deutlich unter dem engen Shirt abzeichnen. Bei diesem Anblick muss er schlucken und seine Hose wird höllisch eng, so dass er kaum noch laufen kann.


„Schluss für heute, den Rest machen wir morgen“, sagt Davids Vater und legt Tobias die Hand auf die Schulter. „Du hast uns wirklich gut geholfen. Bist du morgen auch wieder hier?“

„Ja gerne“, bestätigt Tobias sofort.

„Gut, dann kannst du ja auch bei Anja schlafen“, freut sich David. „Ihre Couch ist breit genug für uns beide.“

„Nein, ich fahr lieber nach Hause.“

Anja, David und Tobias machen sich gemeinsam auf den Weg zu Anja. Vor ihrem Haus bleibt Tobias stehen. „Also dann bis Morgen“, sagt er und will zu seinem Auto gehen.

„Ach komm, bleib doch hier und spar dir die Fahrerei“, versucht es David noch einmal, doch Tobias bleibt standhaft. „Nein, Morgen gegen acht bin ich wieder hier.“

„Willst du nicht wenigstens noch duschen? Du bist ganz eingestaubt.“ Lachend wuschelt Anja ihm durchs Haar und es regnet Sägespäne.

„Das kann ich zu Hause machen, es ist doch nicht weit.“

„Okay, morgen um acht“, sagt David und zieht ihn in seine Arme. „Ich warte auf dich.“ Sanft berühren sich ihre Lippen für einen zärtlichen Kuss. Für einen kleinen Moment schlingt Tobias seine Arme um David, dann löst er sich und schiebt ihn von sich. „Wir sehen uns Morgen“, sagt er und steigt in sein Auto.


David läuft unruhig zum Fenster und wieder zurück. „Setz dich“, fährt Anja ihn an. „Es ist erst zehn Minuten nach acht, er wird schon kommen.“

„Ja, ja“, maulend lässt er sich auf einen Stuhl sinken. „Es ist heute nur so verdammt glatt.“

„Genau deswegen wird er sich verspäten. Mach dir keine Sorgen und deck lieber den Tisch.“

Der Tisch ist eingedeckt und immer noch ist kein Tobias da. Gerade will David wieder ans Fenster gehen, da klingelt es. Sofort stürzt er zur Tür und reißt sie auf. Tobias steht mit einer Tüte Brötchen davor. „Ich bin ein bisschen spät, aber ...“ weiter kommt er nicht, denn David zieht ihn stürmisch in seine Arme und verschließt seinen Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss. „Bring den Kleinen nicht um“, kommt Anja näher und nimmt Tobias die Tüte ab. Zögernd streicht Tobias über Davids Brust, dann schiebt er ihn von sich. „Lass uns Frühstücken, wir haben heute noch zu tun“, sagt Tobias mit belegter Stimme.


Als sie sich später auf den Weg machen, greift David nach Tobias‘ Hand. „Heute ist nicht mehr so viel zu machen. Ich vermute, so zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr werden wir fertig sein. Würdest du mich dann mitnehmen?“, fragend sieht er Tobias an.

„Ja klar, es ist ja kein großer Umweg.“

Als sie am Poolhaus eintreffen, sind Andreas und sein Vater schon bei der Arbeit. „Da seid ihr ja endlich“, begrüßt Andreas sie lachend, dann wendet er sich an Anja: „Und, wie anstrengend war die Nacht.“

Anja gibt stöhnend von sich: „Nicht zum Aushalten. Kaum war Tobias weg, ist David zum Troll mutiert.“, sie verdreht die Augen und spricht weiter: „Er ist mir ständig vor den Füßen rumgesprungen, keine fünf Minuten konnte er ruhig sitzen. Dann hat er immer abwechseln auf die Uhr und auf sein Handy geschaut. Ich wollte ihn schon zu euch schicken.“

„Bloß nicht, da wäre uns Mama auf die Schliche gekommen“, meint Andreas und hebt abwehrend die Hände.

„Aber zum Glück hat Tobias ihm eine SMS geschickt, das er gut zu Hause angekommen ist. Danach war er etwas erträglicher. Doch heute Morgen ...“ wieder verdreht sie laut stöhnend die Augen.

„He! Erzähl keinen Blödsinn“, geht David dazwischen. „Glaube bloß kein Wort. Ich war ganz ruhig.“ Treuherzig sieht er Tobias an.

„Genug rumgeblödelt“, unterbricht sie ihr Vater lachend. „Schließlich wollen wir heute fertigwerden.“

Die Arbeit geht ihnen zügig von der Hand und so sind sie bereits kurz nach dreizehn Uhr fertig. Anja wischt noch ein letztes Mal über die Glasscheibe der Tür, dann ruft sie: „Fertig!“

Noch einmal lassen sie ihre Blicke schweifen, ob sie auch nichts übersehen haben, aber es ist alles tipptopp aufgeräumt und nichts mehr von den Bauarbeiten zu sehen.

„Na dann, wir sehen uns Heiligabend“, sagt Andreas und umarmt Tobias kurz. Auch ihr Vater zieht Tobias kurz in seine Arme und brummt ein: „Wir sehen uns.“


Eine halbe Stunde später sitzt David bei Tobias im Auto.

Während Tobias fährt beobachtet David ihn schweigen. „Tobias, was hältst du davon, wenn ich nachher zu dir komme und Glühwein mitbringe? Schließlich stehe ich noch in deiner Schuld“, unterbricht David das Schweigen.

„Nein!“, wehrt Tobias sofort ab.

„Kommst du dann mit zu mir? Ich habe noch eine Flasche stehen.“

„Nein, ich ... ich muss unbedingt duschen“, redet sich Tobias raus.

„Du kannst auch bei mir duschen.“

„Nein, ich brauche auch frische Sachen“, wehrt Tobias weiter ab.

„Okay, dann treffen wir uns nachher am Riesenrad und trinken auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein.“

„Wann genau?“, fragt Tobias unsicher. Eigentlich möchte er sich schon mit David treffen, aber er hat Angst, wieder verarscht zu werden.

„Sagen wir, in zwei Stunden?“, fragend sieht David ihn an. Zögernd nickt Tobias.

Kurze Zeit später zeigt David auf ein Haus. „Dort, in der zweiten Etage wohne ich. Willst du kurz mit reinkommen?“

Sofort schüttelt Tobias den Kopf. „Nein, wir sehen uns doch nachher.“

„Dann bis nachher.“ Rasch beugt sich David zu Tobias und haucht ihm einen Kuss auf die Lippen.


Als Tobias zwei Stunden später durch seine Haustür tritt, steht David bereits da und wartet auf ihn. Zur Begrüßung zieht David ihn kurz in seine Arme und haucht ihm einen Kuss auf den Mund. „Hast du schon was gegessen? Ich könnte was vertragen.“ David deutet auf einen Stand, von dem ein köstlicher Duft aufsteigt. „Ja ich habe auch Hunger“, stimmt Tobias zu. Gemeinsam gehen sie über den Markt und machen erst beim Spanferkel halt.

Nachdem jeder seine Portion gegessen hat, deutet David auf einen Stand an dem Glühwein verkauft wird. Tobias nickt kurz und David holt zwei Tassen Glühwein.

„Es ist wirklich klasse, dass du uns geholfen hast. Ohne dich wären wir noch nicht fertig.“

„Ach, es hat Spaß gemacht und außerdem gefällt mir deine Familie. Dein Bruder ist echt krass.“ Tobias sieht David wehmütig an. „Ihr versteht euch wirklich gut.“

„Du und Holger, ihr versteht euch nicht so gut. War das schon immer so?“

„Ich glaube, ich sollte jetzt gehen. Ich bin ganz schön müde. Bin körperliche Arbeit nicht gewöhnt.“ Tobias ringt sich ein Lächeln ab und will gehen.

„Tobias! Bleib! Bitte!“ David sieht ihn bittend an. „Du willst doch nur gehen, weil ich von Holger angefangen habe. Es gibt da nur etwas, was ich nicht verstehe.“

„Ich will darüber nicht sprechen“, wehrt Tobias ab.

„Aber du musst es mal los werden“, drängt David.

„Ich bin müde.“ Tobias dreht sich um und geht. Seinen angefangenen Glühwein lässt er stehen. Frustriert sieht David ihm hinterher. So kann es nicht weitergehen, Tobias kann doch nicht jedes Mal abhauen. Wenn sie eine richtige Beziehung führen wollen, muss das geklärt werden.


Am nächsten Morgen pünktlich um acht Uhr klingelt es an Tobias‘ Tür. Noch verschlafen öffnet Tobias die Tür und vor ihm steht David mit einer Tüte frischer Brötchen. „Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßt David ihn und drückt ihm auch gleich einen Kuss auf die Lippen. Sanft schiebt er Tobias zur Seite und betritt die Wohnung. „Was hältst du von einem gemütlichen Frühstück?“

„Ja, aber ich wollte gerade duschen.“

David lässt seinen Blick über ihn gleiten. „Du siehst aus, als ob du gerade aus dem Bett gekommen bist.“

„Bin ich auch“, mault Tobias.

„Dann geh duschen und ich mach inzwischen Frühstück.“ Er nimmt Tobias an den Schultern und schiebt ihn ins Bad.

Mit ein bisschen suchen findet David alles, was er braucht. Als Tobias frisch geduscht aus dem Bad kommt, empfängt ihn ein köstlicher Duft von Kaffee und Rührei. Tief zieht er die Luft ein und lässt seinen Blick über den Tisch schweifen. Frische Brötchen, Rührei, Wurst, Honig, Kaffee und ein Teller mit Weihnachtsplätzchen entdeckt er. „Hast du sie gebacken?“, fragt Tobias und nimmt sich ein Plätzchen.

„Ich würde jetzt gern ‚ja‘ sagen, aber dann hätte ich gelogen. Meine Mutter, Anja und die Kinder haben sie gemacht.“

„Die sind wirklich gut.“ Schnell greift sich Tobias noch eins, dann geht er zum Kühlschrank und holt noch ein kleines Glas Marmelade heraus. „Die ist von meiner Mutter“, erklärt er, als er sie auf den Tisch stellt.

Beim Essen unterhalten sie sich über belanglose Dinge, bis David von der Marmelade nimmt. „Mhmm Kirsch, die ist gut“, lobt er sie.

„Ja, nirgends gibt‘s bessere“, sagt Tobias und in seiner Stimme klingt Traurigkeit mit.

„Du vermisst deine Mutter“, stellt David sachlich fest. Tobias nickt nur. „Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“

„Ein Mal im Jahr kommt sie in die Stadt. Da nehme ich mir frei und verbringe den Tag mit ihr. Ich habe ihr schon angeboten über Nacht zu bleiben, aber das will sie nicht.“ Tobias holt tief Luft und sieht lächelnd zu David. „Möchtest du noch Kaffee?“ David nickt und hält ihm seine Tasse hin. Nachdem Tobias ihnen nachgeschenkt hat, sieht David ihn eindringlich an. „Tobias, ich muss was mit dir klären.“ Erschrocken horcht Tobias auf. „Du kannst nicht immer wegrennen, wenn ein unangenehmes Thema kommt und ich brauche Klarheit. Bitte erzähl mir, was zwischen dir und Holger vorgefallen ist.“

„Möchtest du noch was essen? Nicht! Dann räume ich schon mal den Tisch ab.“ Tobias springt auf und beginnt gleich aufzuräumen.

„Süßer, lass das, ich will mit dir reden.“ David will ihn auf seinen Schoß ziehen, doch Tobias weicht ihm aus und verschwindet aus der Küche. David folgt ihm ins Arbeitszimmer. „Schatz lauf nicht weg.“

„Ich will nicht darüber reden.“

„Willst du, dass ich verschwinde und wir uns nie wiedersehen?“

„Nein!, schreit Tobias erschrocken auf.

„Dann müssen wir reden.“ Wortlos drängt Tobias an ihm vorbei und weiter ins Schlafzimmer. Wieder folgt David ihm. „Tobias, warum willst du nicht mit mir darüber reden?“

„Weil ihr mich doch eh nur alle verarscht und euch über mich lustig macht.“ Er stößt David von sich weg und stürmt in seinen Abstellraum. Rasch will er zuschließen, doch David ist schneller und drängt hinein. „Ich habe dich nie verarscht und das werde ich auch nie. Ich habe mich in dich verliebt. Du bedeutest mir sehr viel, aber ich muss wissen, warum du dich so verhältst. Sonst hat eine Beziehung keinen Sinn.“

„Beziehung!? Aber ... aber ...“, stottert Tobias. Davids Blick fällt auf die Modelleisenbahn. Sofort erkennt er den Weihnachtsmarkt an der Baumschule. Er wendet sich zu Tobias. „Hast du das alles gemacht?“, fragt er erstaunt. Zögernd nickt Tobias. David greift Tobias Hand und geht zu dem Modell. „Du hast es ganz allein gemacht! Warum hast du es gemacht?“, fragt David ihn. Tobias zuckt nur mit den Schultern. „Sei doch mal ehrlich. Du hast es gemacht, weil es dir dort gefallen hat.“

„Ja“, nuschelt Tobias leise.

„Was hat dir besonders gut dort gefallen?“

„Es war dort nicht so hektisch und stressig und dann waren da Anja und die Kinder. Das hat mir alles gefallen. Und du warst auch da“, gesteht Tobias leise ein.

„Bedeute ich dir etwas?“, fragt David mit klopfendem Herzen.

„Ja, ich bin gern mit dir zusammen.“

„Mehr nicht?“

„Ich weiß nicht. Ich muss erst mal über alles nachdenken. Ich brauche Zeit.“ Tobias richtet seinen Blick auf David und sieht ihn eindringlich an.

„Okay, dann werde ich jetzt gehen, damit du in Ruhe nachdenken kannst. Aber wenn du reden willst, dann ruf mich an, egal welche Uhrzeit es ist, ruft mich einfach an.“ Tobias nickt nur.

Schweigend beobachtet Tobias, wie David in seine Schuhe schlüpft und seine Jacke überzieht. An der Tür wendet David sich noch einmal um. „Morgen gegen fünfzehn Uhr hole ich dich ab.“ Wieder nickt Tobias nur. David macht einen Schritt auf ihn zu und zieht ihn in seine Arme. Sanft haucht er ihm einen Kuss auf die Lippen. „Denk in Ruhe nach und vergiss dabei nicht, warum du ausgerechnet dieses Modell gebaut hast.“ Rasch löst sich David von ihm und verlässt die Wohnung.

In Gedanken versunken räumt Tobias die Küche auf, dann geht er in seinen Abstellraum, setzt sich dort auf den Stuhl und starrt auf seine Modellbahn.

Sämtliche Begegnungen mit Anja, den Kindern und David ruft er sich in Erinnerung und macht sich dabei seine Gefühle bewusst. Ja, er muss zugeben, dass er sehr gern mit ihnen zusammen ist. Er verbringt gern Zeit mit Davids Familie, er fühlt sich wohl bei ihnen. Er mag sie und er mag David. Er mag Davids Stimme, sein Gesicht, seinen Blick, wenn er nachdenklich schaut oder wenn er den Kindern etwas erklärt. Tobias mag, wie David ihn anlächelt, ihn küsst, er mag seinen Geschmack nach Vanille und Kaffee und noch irgendetwas anderem.

Tobias weiß nicht, wie lange er dasitzt und seine Gedanken wälzt. Doch immer kommt er zum gleichen Schluss: Er will David nicht verlieren. Er mag ihn, er mag ihn sehr. Und er mag es, von David geküsst zu werden. Doch eine Beziehung, eine richtige Beziehung, kann er sich nicht vorstellen. David hat gesagt, er würde ihn nie verarschen und er glaubt ihm. Aber Yvonne und Holger hat er auch geglaubt und sie haben ihn gewaltig verarscht.


Nach einer Ewigkeit steht Tobias auf und geht ins Wohnzimmer, dort nimmt er sein Handy und ruft seine Mutter an.

Sie unterhalten sich schon eine Zeitlang da beginnt Tobias, ihr von David und seiner Familie zu erzählen. Sie lauscht interessiert seinen Worten, und als er endet, sagt sie: „Als du mir damals von Yvonne erzählt hast, hattest du nie dieses Lächeln in der Stimme, er scheint dich glücklich zu machen.“

„Ja schon, ich mag ihn sehr, aber eine richtige Beziehung.“

„Tobias, nur weil du einmal Pech hattest, darfst du dein Herz nicht verschließen. Gib euch beiden eine Chance.“

„Ich weiß nicht Mama. Stört es dich nicht, wenn ich eine Beziehung mit einem Mann habe?“

„Es ist doch ganz egal, wen du liebst, Hauptsache du bist glücklich. Denk in Ruhe darüber nach und hör auf dein Herz.“

Wieder sitzt Tobias da und denkt nach. Irgendwann stellt er fest, dass es draußen längst dunkel ist und sein Magen knurrt. Schnell isst er eine Kleinigkeit, denn viel Appetit hat er nicht. Anschließend setzt er sich wieder vor die Modellbahn und hängt seinen Gedanken nach.

Irgendwann kann er die Augen nicht mehr aufhalten und so geht er zu Bett. Obwohl er müde ist, wälzt er sich die halbe Nacht hin und her, erst weit nach Mitternacht schläft er endlich ein.

Kurz vor zehn Uhr schreckt ihn das Klingeln seines Handys aus dem Schlaf. „Ja“, knurrt er verschlafen ins Handy.

„Was pennst du etwa noch!? Dann spring mal ganz schnell in deine Klamotten und hol zwei Flaschen Glühwein. Und sei fertig, wenn ich dich abholen komme.“

„Nein“, schreit Tobias auf. „Holger, ich hab dir gesagt, dass ich bei Freunden eingeladen bin und dort auch hingehe.“

„Weihnachten feiert man im Kreis seiner Familie. Sie haben dich nur eingeladen, weil sie Mitleid mit dir haben, aber in Wahrheit störst du dort nur.“

„Nein, und jetzt lass mich in Ruhe.“ Hastig drückt Tobias das Gespräch weg. Wieso nervt Holger dieses Jahr so? Es hat ihn doch sonst nicht interessiert, dass Tobias über Weihnachten allein war. Er versteht das nicht. Kopfschüttelnd geht Tobias ins Bad.


Kurz nach vierzehn Uhr ist Tobias fertig. Alle Geschenke, für jeden nur eine Kleinigkeit, sind verstaut.

Der Briefumschlag für seinen Bruder liegt noch da, Tobias hat ganz vergessen, ihn zur Post zu bringen. Jedes Jahr fragt Tobias nach, was sie und die Kinder sich zu Weihnachten wünschen und jedes Jahr teilt ihm Holger mit, dass sie nur Geld wollen und sich selber was kaufen. Nur für seine Mutter macht er jedes Jahr ein kleines Päckchen fertig und das hat sie bereits erhalten und wird es heute Abend öffnen, wie sie ihm gestern mitteilte.

Noch einmal lässt er seinen Blick prüfend durch den Raum gleiten. Da hört er ein leises Klopfen und ein zartes Stimmchen ruft: „Tobias, kannst du mal aufmachen?“ Während Tobias zur Tür eilt, hört er David sagen: „Vorsichtig Mäuschen, lass sie nicht fallen.“

Als Tobias die Tür öffnet, steht Sofie davon und David kommt gerade die Treppe hinauf.

„Wir haben dir was mitgebracht“, sagt Sofie und hält ihm mit strahlendem Lächeln eine Schneekugel hin. „Oh danke, das ist aber lieb von euch.“ Tobias geht vor dem kleinen Mädchen in die Hocke und nimmt die Schnellkugel entgegen.

„Die macht auch Musik“, teilt ihn Sofie mit und dreht sofort an dem kleinen Rad und es erklingt die Melodie: 'Alle Jahre wieder.' „Das ist schön“, sagt Sofie und sieht ihn mit großen Augen an.

„Ja, sehr schön“, bringt Tobias mit erstickter Stimme hervor. „Lass uns mal schauen, wo wir sie hinstellen können“, spricht er weiter und nimmt Sofie an die Hand.

Im Wohnzimmer deutet die Kleine auf den kleinen Beistelltisch zwischen den Fenstern. „Ja, hier passt sie hin“, stimmt Tobias zu, zieht die Spieluhr noch einmal auf, schüttelt sie kräftig und stellt sie auf den Tisch. Langsam ist David hinter ihm getreten, beugt sich vor und haucht ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Hallo mein ...“ Durch ein stürmisches Klingeln werden sie aufgeschreckt. Entschuldigend sieht Tobias ihn an und geht zur Tür. Kaum hat Tobias die Tür geöffnet, fährt Holger ihn auch schon an: „Bist du fertig und hast auch den Glühwein nicht vergessen?“

„Was willst du hier? Ich habe dir gesagt, dass ich bei Freunden eingeladen bin.“

„Jetzt mal ehrlich, wer soll dich schon einladen“, sagt Holger gerade, als David im Flur erscheint. Drohend macht David einen Schritt auf Holger zu. „Tobias hat ...“

„Nicht David“, drängt Tobias ihn zurück, dann wendet er sich Holger zu, doch der redet bereits auf ihn ein: „Ich glaub’s nicht, lässt du dich schon wieder ausnutzen? Der Typ will doch nur seinen Spaß mit dir. Über Weihnachten lässt es sich schlecht einen Typen aufreißen, aber du bist gerade greifbar.“ Wutschnaubend will David einen Schritt auf Holger zu gehen, doch Tobias tritt dazwischen. „Du hast mich die ganze Zeit verarscht und ausgenutzt und nicht David.“ Wütend greift Tobias den Briefumschlag und drückt ihn Holger in die Hand. „Hier hast du dein Weihnachtsgeld, das du ja jedes Jahr verlangst und jetzt verschwinde, ich will nichts mehr mit euch zu tun haben. Und damit du es weißt, ich komme ab jetzt einmal im Monat Mama besuchen, aber nur Mama, von euch will ich keinen sehen. Und vielleicht bringe ich sogar David mit.“ Dann schiebt er Holger zur Tür hinaus und knallt ihm die Tür vor der Nase zu. Einen Moment steht Tobias still da, dann dreht er sich zu David um. „Alles in Ordnung?“, fragt David besorgt. Tobias nickt und sagt erleichtert: „Ja! Können wir jetzt los?“


Kurze Zeit später stehen sie vor Davids Multivan. Während David Sofie in ihren Sitz befördert und anschnallt, steht Tobias da und beobachtete ihn nachdenklich. Als David fertig ist und die Tür geschlossen hat, greift Tobias ihn an der Jacke und zieht ihn zu sich. Ehe David begreift, was los ist, spürt er Tobias‘ Lippen auf seinen. Nach einem leidenschaftlichen Kuss löst sich Tobias ein Stück und schaut David eindringlich an, dann fragt er leise: „Darf ich bei dir bleiben?“ Sofort schlingt David seine Arme fest um ihn. „Für immer“, flüstert er ihm mit belegter Stimme ins Ohr.


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